Amazonengedicht
Der Großliterat ist zu dem Entschluss gekommen, dass er diese Perle der deutschen Poesie nicht der interessierten Öffentlichkeit vorenthalten darf.
Amazonengedicht
von Natalie Sauer-Klein.
Die Amazoninnen reiten geschwind, und hacken den Männern die Köpfe ab
Die Amazoninnen reiten geschwind, und hacken den Männern die Arme ab
Die Amazoninnen reiten geschwind, und hacken den Männern die Beine ab
Und wenn sie am Lagerfeuer sitzen, dann peitschen sie die Männer aus
Ihre Stahl-BHs benutzen sie als Suppenterrinen
Sie löffeln schlechtgelaunt und die Männer kriegen nichts ab
Sie gehen auf die Jagd und jagen neue Männer
Die Männer schreien vor Angst, doch die Amazonen haben Petersilie in den Ohren
Sie kennen keine Gnade, denn einer muss ihnen ja die Suppe kochen
Sie haben riesige Muskeln, sonst könnten sie ja nicht jagen
Jede ist durchtrainiert und hat stahlharte Schenkel
Doch sie haben auch Geist, wenn auch begrenzt
Ihr Kampfschrei ist so schrill und laut, dass die Affen tot von den Bäumen fallen
Er geht allen auf den Kecks, aber die Amazonen mögen keine Keckse
Wegen ihrer schlechten Verdauung vertragen sie nur Suppen
So: Aiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaiaaaaaaaaaaaaaaa krk bumbata ihihihiiiiii Schnauze!
Fertig!
Interpretation von Prof. Dr. Matschler
Natalie Sauer-Klein schrieb in der strengen, klassischen Form des Schlachtlieds, der Ode, einen Hymnus auf die Amazonen mit denen sie sich Zeit ihres Lebens beschäftigt hatte.
Es gibt Gedichte, vor denen der uralte Streit zwischen Inhalt und Form verstummt, weil beides bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander verschmolzen ist. Sie vermitteln eine Ahnung idealen Gelingens; und wie nur selten glaubt man sich dem Rätsel der poetischen Vollendung so dicht auf der Spur.
Es scheint als habe Sauer-Klein in dem 1999 geschriebenen und trotz des ungewöhnlichen, legeren und burschikosen Tons begrenzt bekannten Gedichts, ein vielfach verschachteltes formales Experiment unternommen: die ersten drei Zeilen unterscheiden sich jeweils nur in einem einzigen Wort, was der ersten Strophe einen absichtlich eintönigen, zu primitiver Unkompliziertheit und weiblicher Streitlust überredenden Begleitton verschafft. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die stumpfsinnige, bewusst unkorrekte Feminisierung des Wortes Amazone. Jede weitere Strophe behandelt ein Thema, nach strikt durchdachter Ordnung: Das Lager, die Jagd, die Stärke. Die Letzte Strophe greift dagegen die Banalität der Eröffnungsstrophe wieder auf, so dass der Bogen, Wiederkehr und Dauer suggerierend, sich schließt.
Sauer-Klein hat kaum ein kunstvolleres Gedicht verfertigt. Denn innerhalb dieser überaus strengen Form entfaltet sie eine liedhaft archaische Grundstimmung, aus der anstrengungslos die Bilder von Barbarei, Rohheit und unerbittlicher Angriffslust hervorgehen. Das Gedicht erinnert auf seine Weise daran, dass alle Kunst darin besteht, die Kunst vergessen zu machen.
Es ist ein Musikstück für Worte. Darauf deuten nicht nur die rohartige Konstruktion sondern auch das schwer entschlüsselbare, dem Kampfschrei der Amazonen entstammende: bumbata ihihihiiiiii Schnauze!; auch die ohne Reim gehaltenen Verse selbst bilden eher eine Melodie der Unkultur, als einen informativen vernünftigen Gehalt und halten denn auch verschiedentlich, auf ihre Bedeutung untersucht, der kritischen Wissbegier nicht stand.
Die entscheidendste Position im Gedichts wird aber von der Suppe eingenommen. Filigran hat Sauer-Klein hier ein versöhnendes, entschuldigendes Element eingebaut, das die Grundaussage des Gedichts umzukehren vermag. Die Amazonen haben nicht nur eine Schwäche, es fehlt ihnen auch die Eigenständigkeit um sich das nötige selbst zu bereiten; erst diese prekäre Situation treibt sie zu Gewalttätigkeit. Die Suppe wird somit zum Symbol des Konfliktes zwischen der zivilisierten und unzivilisierten, der männlichen und der weiblichen Welt.
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