Re: Männer und Verantwortungslosigkeit
Als Antwort auf: Männer und Verantwortungslosigkeit von Andreas am 18. April 2003 09:41:44:
Hi Andreas,
Interessant finde ich, dass man Frauen das Recht zugesteht, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden (der Bauch gehört der Frau), Männer hingegen dieses Recht nicht haben. Wenn die Frau entscheidet, das Kind abzutreiben und der Vater möchte das Kind ganz gerne, dann muß er sich der Entscheidung der Frau beugen. Im umgekehrten Fall ist es ebenso. Wenn die Frau das Kind haben möchte und der Mann nicht, dann muß er trotzdem die Verantwortung tragen. Der Mann ist auf jeden Fall von der Entscheidung der Frau abhängig und hat keinerlei Mitspracherecht.
Das halte ich auch für einen Punkt der Abtreibungsdebatte, der bislang komplett übersehen wurde. Dabei kann es sicherlich auch für Väter eine schlimme Erfahrung sein, wenn sie zum Beispiel hilflos miterleben müssen, wie ihr zukünftiges Kind abgetrieben (getötet?) wird. In der USA wird über dieses Problem bereits diskutiert, hierzulande noch nicht.
Ich habe über die neusten Erkenntnisse auch in "Sind Frauen bessere Menschen?" geschrieben und stelle die entsprechende Passage mal hier rein:
--- (...) Im selben Jahr führte Catherine T. Coyle, Psychologin an der Universität von Wisconsin, Madison, gemeinsam mit Professor Robert Enright eine Studie unter Männern durch, die sich von der Entscheidung ihrer Partnerinnen, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, tief verletzt zeigten. Die Teilnehmer waren zwischen 21 und 43 Jahren alt und waren zu 60% Christen und zu 30% konfessionslos. Die Mehrzahl dieser Männer war durchgehend mit dem Entschluss ihrer Partnerinnen nicht einverstanden, tendierten aber zu der in der Rechtssprechung und der öffentlichen Diskussion vorherrschenden Meinung, dass die Entscheidungsmacht hauptsächlich bei den Frauen und nur zu einem geringen Teil bei ihnen selbst lag. Als Folge der Abtreibung stellten sich bei den verhinderten Vätern emotionale Belastungszustände heraus, die traditionell allein Frauen zugeschrieben werden. Das Spektrum rangierte von Wut und Hilflosigkeit über Trauer bis zu Schuldgefühlen und Beziehungsproblemen.
Alle solchermaßen psychisch belasteten Teilnehmer dieser Studie hatten ihre Beziehung zu den früheren Partnerinnen mittlerweile aufgelöst, weil sie glaubten, diesen Frauen im Hinblick auf zukünftige Verletzungen nicht weiter vertrauen zu können. Darüber hinaus drückten sie generelle Schwierigkeiten auch im Zusammenhang mit zukünftigen Liebesbeziehungen aus, insbesondere was gegenseitiges Vertrauen anging.
Das Gefühl das Ohnmacht gegenüber der Entscheidung ihrer Partnerin, was die gemeinsame Nachkommenschaft anging, wurde als starke Belastung erlebt. Aber selbst diejenigen Männer, die verzweifelt versucht hatten, ihre Partnerinnen von einer Abtreibung abzubringen, machten sich selbst Vorwürfe und hatten stark damit zu kämpfen, sich selbst zu vergeben, weil ihr Zureden letztlich erfolglos geblieben war.
Zum Abschluss ihrer Studie weist Coyle ausdrücklich darauf hin, dass die seelische Belastung von Männern nach einer Abtreibung von der wissenschaftlichen Literatur bislang ausgeklammert und auch in der gesellschaftlichen Diskussion durchgehend ignoriert wurde. Die Debatte über die Legitimität von Abtreibungen wurde bislang immer zwischen den beiden Polen Freiheit der Mutter auf Selbstbestimmung und Lebensrecht des Kindes gesehen. Die Rechte des Vaters kommen de facto bis heute nicht vor.
Insofern gibt Coyle auch ihrer Enttäuschung über die Frauenbewegung Ausdruck, die dieses Problem trotz der Proteste vieler betroffener Männer bislang ignoriert hat. Coyle: "Sie mag als eine Bewegung begonnen haben, der es um Gleichheit ging, aber jetzt geht es ihr um Macht. Männern das Mitspracherecht an der Fortpflanzung zu verweigern hat mit Gleichberechtigung nichts zu tun." Inzwischen hat Catherine Coyle versucht, diese Lücke in der Literatur wenigstens mit einem einzigen Buch zu schließen: 1999 erschien in den USA ihr Ratgeber "Men and Abortion: A Path to Healing" (...) ---
Allerdings fällt mir bislang kein vernünftiges Lösungskonzept für dieses Dilemma ein. Die Abtreibungsdebatte war ja schon hitzig genug, bevor der Vater ins Spiel kam. Dass Väter hier ständig übergangen werden, ist natürlich übel, aber wie will man Mutter und Vater gleichermaßen gerecht werden? Deshalb habe ich dieses Problem bisher nicht in den Vordergrund meiner politischen Arbeit gestellt.
Herzlicher Gruß
Arne
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