Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Gender Mainstreaming

Rotstift, Tuesday, 15.04.2003, 14:42 (vor 8331 Tagen)

Ich habe gerade einen Text der ÖAAB-Frauen (Arbeitnehmervereinigung der ÖVP) vor mir, der sich unter anderem mit Gender Mainstraeming beschäftigt. Damit wird klar, was eigentlich darunter zu verstehen ist, nämlich dass alle Ebenen von Politik und Verwaltung nach der feministischen Pfeife tanzen, weil sonst ja keiner über das entsprechende Fachwissen verfügt:

"Gender Mainstreaming bedeutet allgemein die Integration von Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe in alle Politikbereiche, in alle Phasen und auf allen Ebenen des politischen Prozesses von allen hieran beteiligten Akteuren und Akteurinnen. Gender Mainstreaming zielt damit auf organisatorische Veränderungen, wobei es als klassischer Top-Down-Prozess verstanden wird. Als Querschnittsaufgabe und mit seiner Fokussierung auf die Geschlechterverhältnisse wird Gender Mainstreaming zwangsläufig zu einer gemeinsamen Angelegenheit von Frauen und Männern. Denn das Geschlechterverhältnis wird in Gesamtheit nur zu verändern sein, wenn sich seine beiden Pole bewegen. Voraussetzung für die Entwicklung geschlechtsdifferenzierter Angebote in allen Politikfeldern ist spezifisches Gender-Wissen. Mit Beschluss vom 10. Juni 2002 verpflichtet sich die Steiermärkische Landesregierung zur Umsetzung der Strategie des Gender Mainstreamings und zur Einrichtung einer ressortübergreifenden Steuerungsgruppe. Die Geschäftsstelle der Steuerungsgruppe befindet sich in der FA6C, Referat Frau-Familie-Gesellschaft, unter der Leitung von NRAbg. Ridi M. Steibl. Da die erforderliche geschlechtsspezifische Sachkenntnis derzeit oft nur in Frauenreferaten bzw. Gleichbehandlungsstellen vorhanden ist, plant die Steuerungsgruppe zuallererst einen gezielten Wissens- und Informationstransfer aus diesen „Nischen“ auf alle entscheidungsmaßgeblichen Ebenen von Politik und Verwaltung. Längerfristig wird verstärkt daran gearbeitet werden, geschlechtsbezogene Sichtweisen von vornherein in alle Handlungsfelder von Politik und Verwaltung einzubeziehen. Ziel ist es, Gleichstellungspolitik zu einer tatsächlichen Querschnittsaufgabe sowohl innerhalb der Verwaltung als auch im Service für die Bürgerinnen und Bürger zu machen. Zur Regionalisierung von Gender Mainstreaming ist das Referat Frau-Familie-Gesellschaft auch Partner von Entwicklungspartnerschaften zu dieser Thematik."

Wenn's nicht so ärgerlich wäre, könnte man ja darüber lachen.

mfg

Rotstift

Re: Gender Mainstreaming

Beatrix, Thursday, 17.04.2003, 17:00 (vor 8329 Tagen) @ Rotstift

Als Antwort auf: Gender Mainstreaming von Rotstift am 15. April 2003 11:42:10:


Hallo 'Rotstift'!

Ich habe gerade einen Text der ÖAAB-Frauen (Arbeitnehmervereinigung

der ÖVP) vor mir, der sich unter anderem mit Gender Mainstraeming
beschäftigt. Damit wird klar, was eigentlich darunter zu verstehen ist,
nämlich dass alle Ebenen von Politik und Verwaltung nach der
feministischen Pfeife tanzen, weil sonst ja keiner über das
entsprechende Fachwissen verfügt:

Da steht wörtlich: "Da die erforderliche geschlechtsspezifische
Sachkenntnis derzeit oft nur in Frauenreferaten bzw.
Gleichbehandlungsstellen vorhanden ist,...."

Die erforderliche geschlechtsspezifische Sachkenntnis ist in der Tat
noch am ehesten dort zu finden, da sich Männer bisher viel zu wenig mit
geschlechtsspezifischen Themen beschäftigt haben.
Klar, die Frauen haben sich in den zuständigen Frauenreferaten erstmal
mit ihrer eigenen Situation beschäftigt, was ja wohl legitim ist, doch
tun sie es zunehmend auch auf beide Geschlechter bezogen in letzter
Zeit.

Sieh doch lieber das Gender Mainstreaming als eine echte Chance:
ob das GM zu einer neuen Form der Frauenförderung degeneriert oder ob
es
ein Instrument wird, um bestehende Benachteiligungen bei beiden
Geschlechtern auszugleichen und für echte Geschlechtergerechtigkeit zu
sorgen, das liegt doch viel an den Männern selbst.
Je mehr Männer sich damit beschäftigen und es nicht als 'Frauenkram'
verächtlich abtun, sondern sich damit auseinandersetzen, Vorschläge
machen und ihre Beteiligung an Gendertrainings in Betrieben einfordern,
umso eher wird es gerechte Verhältnisse geben!

Wie so viele Männer siehst du nur das (scheinbar) negative an dem
GM-Konzept, während dir die Grundgedanken des Konzepts verborgen
bleiben. Da steht jedoch u.a.:

"Gender Mainstreaming bedeutet allgemein die Integration von

Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe in alle
Politikbereiche, ....Als Querschnittsaufgabe und mit seiner
Fokussierung auf die Geschlechterverhältnisse wird Gender Mainstreaming
zwangsläufig zu einer gemeinsamen Angelegenheit von Frauen und
Männern
.
Denn das Geschlechterverhältnis wird in Gesamtheit nur zu verändern
sein, wenn sich seine beiden Pole bewegen.

Da steht was von 'beide'und von 'gemeinsam'!
Dazu müssen die Männer mitmachen wollen!
Es nützt wohl kaum was, wenn sie sich verweigern, nach dem Motto "Bäh,
Ihr wollt uns nur verarschen, also boykottieren wir die Sache doch
lieber mal."

Voraussetzung für die Entwicklung geschlechtsdifferenzierter Angebote

in allen Politikfeldern ist spezifisches Gender-Wissen.

Eben, und dieses Wissen ist einfach bei Männern bisher viel weniger
vorhanden als bei Frauen. Das soll jetzt kein Vorwurf sein, ist einfach
so. Unterhaltet Euch einfach mal mit den Männern in Familie, am
Arbeitsplatz, im Freundeskreis über die Themen, die in diesem Forum
diskutiert werden! Bei wievielen davon sind die hier geläufigen
Betrachtungsweisen erst mal völliges Neuland? Ich wette bei recht
vielen.
Da gilt es erst mal ne Menge aufzuholen.

Wenn's nicht so ärgerlich wäre, könnte man ja darüber lachen.

Sieh es lieber als Ansporn: :-)

Gendertrainings in Betrieben werden grundsätzlich immer von einem Paar
angeboten. Die Situation der Männer und die der Frauen wird zuerst nur
in gleichgeschlechtlichen Gruppen diskutiert, erst danach findet ein
Austausch statt. Solange die Frauen in einem Betrieb aber schon viel
stärker für Geschlechterfragen sensibilisiert sind, besteht die Gefahr,
dass sich deren Sichtweise stärker durchsetzt und die Benachteiligungen
von Männern weniger stark wahrgenommen werden. Die Gendertrainer müssen
dann viel stärker eingreifen, um für einen Ausgleich zu sorgen. Wenn
aber genügend Männer da sind, die schon im Vorfeld Überlegungen über
ihre eigene Situation angestellt und die Vorschläge/Forderungen
entwickelt haben, so beeinflusst das das Untersuchungsergebnis sicher
positiv.

Denk(t) mal drüber nach. :-)

Liebe Grüße
Beatrix

Re: Gender Mainstreaming

Andreas, Friday, 18.04.2003, 02:13 (vor 8328 Tagen) @ Beatrix

Als Antwort auf: Re: Gender Mainstreaming von Beatrix am 17. April 2003 14:00:08:

Hallo Beatrix,

Gendertrainings in Betrieben werden grundsätzlich immer von einem Paar
angeboten. Die Situation der Männer und die der Frauen wird zuerst nur
in gleichgeschlechtlichen Gruppen diskutiert, erst danach findet ein
Austausch statt. Solange die Frauen in einem Betrieb aber schon viel
stärker für Geschlechterfragen sensibilisiert sind, besteht die Gefahr,
dass sich deren Sichtweise stärker durchsetzt und die Benachteiligungen
von Männern weniger stark wahrgenommen werden. Die Gendertrainer müssen
dann viel stärker eingreifen, um für einen Ausgleich zu sorgen. Wenn
aber genügend Männer da sind, die schon im Vorfeld Überlegungen über
ihre eigene Situation angestellt und die Vorschläge/Forderungen
entwickelt haben, so beeinflusst das das Untersuchungsergebnis sicher
positiv.

Und genau hier liegt der Hund begraben. Männer müssen erst einmal dafür sensibilisiert werden, dass sie eigene Gefühle, Interessen und Bedürfnisse haben und auch formulieren können. Denn dies wurde ihnen nach Jahrzehnten des Feminismus abtrainiert. Männer müssen erst einmal lernen, dass sie Überlegungen über ihre eigene Situation anstellen, formulieren und in die Diskussion mit einbringen DÜRFEN. Denn das können sie bislang überhaupt nicht, weil ihnen dies von sogenannten "Frauenrechtlerinnen" verboten wurde. Sollen Männer schon im Vorfeld Überlegungen anstellen, müssen sie erst einmal Selbstbewußtsein entwickeln und damit auch eine gesunde Beziehung zu sich selbst - denn das ist Voraussetzung dafür, sich selbst wahrnehmen, eigene Gedanken entwickeln und durchsetzen zu können. Jahrelang wurden Männer von der feministischen Szene als "Untermenschen" bezeichnet, die keine Rechte haben, die das Maul halten sollen und so wurde jeder Versuch der Männer, eigene Vorschläge vorzubringen als "frauenfeindlich" bezeichnet und damit schon im Ansatz abgewürgt. Nach jahrzehntelangem feministischem Totalitarismus müssen Männer erst einmal den Kontakt zu sich selbst herstellen lernen. Und genau das wird wahrscheinlich noch viele Jahre dauern und wird noch sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit erfordern.

schönen Gruß
Andreas

Re: Gender Mainstreaming

Rotstift, Friday, 18.04.2003, 02:31 (vor 8328 Tagen) @ Beatrix

Als Antwort auf: Re: Gender Mainstreaming von Beatrix am 17. April 2003 14:00:08:

Hi

Theoretisch hast Du natürlich nicht unrecht, und was da steht, klingt ja alles wunderschön. Nur kann man nicht einerseits jahrelang "Geschlechterpolitik" als reine Frauenpolitik mit klar verteilten Rollen betreiben und Männer nicht einmal danach fragen, ob sie vielleicht auch mal was zu sagen haben (denn wenn sie was gesagt haben, ohne gefragt zu werden, war's natürlich frauenfeindlich), und dann das "geschlechtsneutrale" Gender Mainstreaming installieren und sich auf die so genannte Sachkenntnis von Frauenreferaten berufen. Diese Sachkenntnis kann man sich dann regelmäßig anschauen, wenn es z.B. um häusliche Gewalt oder andere beliebte feministische Themen geht, und da ist auch das angesprochene Referat Frau-Familie-Gesellschaft keine Ausnahme - was schon am Namen erkennbar ist. Und diese einseitige "Sachkenntnis" soll nun umgehend allen staatlichen Stellen und der Politik injiziert werden, ohne dass man vorher vielleicht einmal daran geht, die Situation von Männern auch nur annähernd ähnlich intensiv zu studieren wie jene der Frauen, um daraus Schlüsse für eine tatsächlich beiden Geschlechtern gerecht werdende Politik zu ziehen. Ich denke, dass sich Politik und Verwaltung aufgrund dieser Art von "Gender Mainstreaming" schon längst im dogmatisch-feministischen Fahrwasser bewegen, bevor überhaupt einmal damit begonnen wird, auch die Sichtweise von Männern einzubringen. Und dass im Text etwas von "Männern und Frauen", sich bewegenden Polen und "beiden" steht, halte ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrung mit derartigen Texten und ihren Auswirkungen in der Realität für schlichte Schaumschlägerei.
Zum Abschluss nur zwei kleine Bonmots zur Gedankenwelt der Referatsleiterin Steibl und ihrer Organisation: In einer der letzten Veröffentlichungen des ÖAAB zeigte sie sich sehr stolz darauf, dass in einem ausschließlich Frauen zur Verfügung stehenden Grazer "Business Incubator" Bevorzugungen aufgrund des Geschlechts endgültig der Vergangenheit angehörten, und in der Zeitung der ÖVP-Frauenbewegung, der sie angehört, war vor einiger Zeit wieder einmal zu einer Krankheit (kann mich aber nicht mehr an den Namen erinnern) zu lesen, dass endlich etwas getan werden müsse, denn immerhin seien schon 30 % der Betroffenen Frauen.

mfg

Rotstift

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