Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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Thema: Gender und Schule

susu, Wednesday, 26.03.2003, 22:27 (vor 8350 Tagen)

Hallo Zusammen.

Ich bin gerade dabei meinen Grundsatztext umzuschreiben, um ihn verständlicher zu machen und einige Kritikpunkte zu integrieren, dabei wird einiges auf der Strecke bleiben, selbst im Skelett ist da einiges zu wurschteln, besonders, was die 2.Abwertung angeht.

In dem Zusammenhang testete ich die neue These an einem Sachthema: der Schulpolitik. Im Rahmen der Männerbewegung wurde festgestellt, daß heutzutage Jungen und nicht Mädchen die Benachteiligten sind, meine Analyse kommt zu leicht anderen Ergebnissen, die dennoch mit den gemachten Ergebnissen konform gehen.

Beanstandet wurde von Seiten der Männerbewegung, daß mehr Mädchen als Jungen Abitur machen, ihre Noten besser seien und mehr Jungen als Verhaltensauffällig beurteilt würden. Wenn wir die beiden Blöcke Mädchen und Jungen jedoch differenzierter betrachten, ergibt sich ein anderes Bild. Die für den Schulerfolg nötigen Fähigkeiten zur Konzentration und Kooperation sind weiblich besetzt, Störverhalten und Agressivität dagegen männlich. Die Gewinner sind weibliche Mädchen, geschlechtskongruent und schulangemessen. Dannach kommen die Jungen, entweder sie sind männlich, dann haben sie eher Schulstress, oder werden als verhaltensauffällig angesehen, oder sie sind unmännlich, dann gibt´s Probleme mit der Clicque oder den lokalen "Bullies", auch wenn die Schule fluppt.

Aber, ein glass ceiling bringt auch einen glass floor mit sich und der bewahrt die Jungen vom ganz tiefen Absturz, den unweibliche Mädchen erleiden können. So meine These, die sich aus dem Grundsatztext ergab. Also suchte ich nach Fakten und fand herraus, daß sich z.B. für sich agressiv verhaltende Mädchen da tatsächlich Abgründe auftun (wenn ihr dazu noch sucht und fündig werdet, bitte sofort melden).

Die Theorie scheint zu funktionieren, um die Zustände zu beschreiben, mal sehen, ob sich daraus neue Handlungsansätze ergeben.

susu

Re: Thema: Gender und Schule

Stefan G., Thursday, 27.03.2003, 10:24 (vor 8350 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Thema: Gender und Schule von susu am 26. März 2003 20:27:10:

Hallo susu,

In dem Zusammenhang testete ich die neue These an einem Sachthema: der Schulpolitik. Im Rahmen der Männerbewegung wurde festgestellt, daß heutzutage Jungen und nicht Mädchen die Benachteiligten sind, meine Analyse kommt zu leicht anderen Ergebnissen, die dennoch mit den gemachten Ergebnissen konform gehen.

Da kann ich vielleicht auch einen kleinen Punkt beitragen. Mir ist im Zusammenhang mit PISA einiges aufgefallen. Was ich im Internet so gefunden habe an Material zu diesem Thema, war sehr interessant. Prinzipiell scheint es so zu sein, daß unser Schulsystem Mädchen in hohem Maße bevorzugt, weil der Unterricht stark auf Lernstrategien ausgerichtet ist, die in der Regel eher von Mädchen benutzt werden. So arbeiten Mädchen vornehmlich mit Wiederholungs- und Kontrollstrategien, d.h. sie schauen sich Inhalte mehrfach an und prüfen dann, ob sie alles verstanden haben. Jungs benutzen in stärkerem Maße "Elaborationsstrategien". So wie ich das verstanden habe, geht es dabei um eine Form von "integrativem Denken", indem man versucht, neues Wissen in bereits vorhandene Gesamtwissensstrukturen zu integrieren. Aber ich bin kein Experte. Meine persönliche Beobachtung, die ich an der Uni gemacht habe, ist, daß Jungs und Männer wesentlich experimentierfreudiger sind - ich kann das allerdings nur für ein technisches Studium beurteilen! - Frauen hingegen sich im allgemeinen gerne in vorgegebenen Schienen bewegen (dies sehr sorgfältig), aber nur selten davon abweichen. In der Praxis sieht das so aus, daß Studentinnen alles, was sie in der Vorlesung beigebracht bekommen, sehr gewissenhaft lernen und in den Prüfungen besser abschneiden als die Studenten. Allerdings schauen sie nur in begrenztem Maße über den Tellerrand hinaus und alles was über den vorgegebenen Rahmen hinausgeht, ist für sie nicht mehr interessant. Das hat die absurde Folge, daß ich schon Frauen im neunten Semester erlebt habe, die bis in jede Einzelheit erklären konnten, warum ein bestimmter Suchalgorithmus kubische Komplexität besitzt, die allerdings nicht in der Lage waren, unter Unix einen Druckbefehl abzusetzen oder die verzweifelt versucht haben, ein Windows-Executable unter Unix zum laufen zu bringen. Insgesamt würde ich sagen, daß unser Bildungssystem sich nicht ausreichend mit der Art und Weise auseinandersetzt, wie Männer lernen.
Aber das sind nur meine Beobachtungen.

Gruß
Stefan

Nachtrag

Stefan G., Thursday, 27.03.2003, 10:27 (vor 8350 Tagen) @ Stefan G.

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Stefan G. am 27. März 2003 08:24:37:

Vielleicht läßt sich das, was ich eben geschrieben habe, in einem kurzen Satz zusammenfassen: Frauen konentrieren sich eher auf die Teile, weniger auf den Zusammenhang. Männer hingegen konzentrieren sich mehr auf den Zusammenhang und weniger auf die Teile.

Gruß
Stefan

Vorstand

Peter, Thursday, 27.03.2003, 12:13 (vor 8350 Tagen) @ Stefan G.

Als Antwort auf: Nachtrag von Stefan G. am 27. März 2003 08:27:35:

Männer hingegen konzentrieren sich mehr auf den Zusammenhang und weniger auf die Teile.

Vielleicht sind deshalb so wenige Frauen in Vorständen, weil da ein Unternehmen im Grossen gesteuert wird und Details nicht so wichtig sind?
Cheers!

Re: Thema: Gender und Schule

Garfield, Thursday, 27.03.2003, 12:35 (vor 8350 Tagen) @ Stefan G.

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Stefan G. am 27. März 2003 08:24:37:

Hallo Stefan!

Was du hier schreibst, kann ich aus eigenen Erfahrungen während meiner Schul- und Studienzeit nur bestätigen.

Ich denke, wie so vieles resultiert auch das aus den unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen während der Jäger- und Sammlerzeit.

Frauen blieben meist in einem begrenzten Umfeld, in dem ihnen dann naturgemäß nicht viel Neues begegnen konnte.

Männer dagegen zogen weit umher, zum einen für die Jagd (wenn eine Jagdgruppe längere Zeit an einem Ort blieb, war die nähere Umgebung natürlich schnell "leergejagt", so daß man zur Jagd immer weiter hinausziehen mußte). Zum anderen aber auch, um Partnerinnen zu finden.

Parallelen dazu sieht man im Tierreich auch häufig. Bei Katzen beispielsweise ist es auch so, daß weibliche Katzen sich mit einem relativ kleinen Revier begnügen, während Kater deutlich größere Reviere haben und viel weitere Strecken zurücklegen.

Da Männer also häufiger in einem unbekannten Umfeld unterwegs waren, mußten sie fähig sein, flexibel auf unvorhersehbare Ereignisse (z.B. auf Angriffe von Raubtieren oder fremden Menschen) zu reagieren. Überhaupt konnten bei der Jagd immer wieder unvorhergesehene Situationen auftreten, die sich nicht nach "Schema F" lösen ließen. Auch da mußte man(n) sofort schalten und möglichst schnell und vor allem richtig reagieren.

Für Frauen war das weniger wichtig. Sie blieben meist in ihrem vertrauten Umfeld und erledigten dort Arbeiten, bei denen kaum überraschende Ereignisse auftreten konnten. Dort war es sogar besser, Dinge nach "Schema F" abzuarbeiten, weil man einfach schneller ist, wenn man etwas immer wieder auf exakt dieselbe Weise erledigt, gewissermaßen nach dem "Fließbandprinzip".

Und das wirkt sich eben auch heute noch aus. Was mir z.B. auch häufig auffällt, ist, daß Frauen oft Probleme dabei haben, im Team mit anderen zusammen zu arbeiten. Solange sie dabei einen von den anderen Kollegen abgegrenzten Tätigkeitsbereich haben, in dem sie alles so machen können, wie sie es wollen und in dem sie sich nicht ständig neu auf jemand anderen einstellen müssen, klappt alles prima. Sobald sie aber wirklich mit jemand anderen Hand in Hand zusammen arbeiten und also ihre eigenen Aktivitäten immer wieder neu mit denen der Kollegen abstimmen müssen, gibt es Probleme. Weil viele Frauen auch da davor zurückscheuen, ihre eingefahrenen Gleise zu verlassen. Männer sind da weitaus flexibler.

Umgekehrt haben Männer nach meiner persönlichen Erfahrung häufiger Probleme mit eintönigen Arbeiten. Das ist wohl auch der Grund, wieso man häufig Frauen an Fließbändern sieht (allerdings auch nur, wenn die Arbeit körperlich nicht so anstrengend ist). Für Frauen ist solche Arbeit offenbar weniger problematisch, weil sie ihrer Neigung, alles immer wieder nach demselben Schema zu erledigen, entgegen kommt. Männer dagegen langweilen sich dabei, weil sie dort ihren "Improvisationsdrang" nicht ausleben können.

Ich denke, daß das auch der Grund dafür ist, wieso die meisten Erfindungen und Entdeckungen von Männern gemacht wurden. Das liegt nicht daran, daß Männer intelligenter sind, sondern daß sie mehr als Frauen dazu neigen, auch gedanklich immer wieder aus eingefahrenen Gleisen auszubrechen.

In der Schule wird letzteres aber immer weniger gefördert. Meine Verlobte beispielsweise hat mir mal erzählt, wie der Mathematik-Unterricht in ihrer Schulzeit ablief. Da mußten bei den Klassenarbeiten die Aufgaben nach einem exakt festgelegten Schema gelöst werden. Nicht nur der Rechenweg war festgelegt, sondern auch die Art, wie man ihn aufschreiben mußte. Da mußte dann also in jeder Zeile eine bestimmte Zahl stehen. Alles nur, damit der Lehrer weniger Zeit brauchte, um die Klassenarbeiten zu kontrollieren. Wenn jemand eine Aufgabe nach einem anderen Rechenweg richtig löste, wurde das nicht gewertet. Wenn also ein zweiter Einstein in der Klasse gewesen wäre und sich mal schnell für irgendein Problem einen ganz neuen Rechenweg ausgedacht hätte und damit vielleicht sogar schneller und einfacher auf die richtige Lösung gekommen wäre, dann hätte er dafür eine 5 oder sogar eine 6 bekommen. (Das scheint aber auch schon in früheren Zeiten ähnlich gewesen zu sein, denn bekanntlich waren Einsteins Zensuren in der Schule auch nicht besonders gut.)

Eine Lehrerin schrieb mir dazu mal in einem Forum, daß so eine Vorgehensweise in unserem Bundesland (Nordrhein-Westfalen) eigentlich überhaupt nicht erlaubt sei. Tatsächlich wurde und wird es aber von vielen Lehrern offenbar aus Bequemlichkeit trotzdem so gehandhabt.

Das hat dann natürlich den Effekt, daß Mädchen, die eher dazu neigen, alles nach "Schema F" abzuarbeiten, klar im Vorteil sind. Noch größer sind diese Vorteile in Fächern, wo es wirklich vor allem darauf ankommt, alles gut auswendig zu lernen. Z.B. in sprachlichen Fächern.

Ich denke, das ist ein wesentlicher Grund dafür, daß Jungen in der Schule zunehmend ausgebremst werden. Viele Jungen neigen nun einmal dazu, schulische Aufgaben mehr durch logisches Denken als durch Fleiß zu lösen. Problematisch war das schon immer für die Jungen, die weniger intelligent sind. Aber auch eigentlich intelligente Jungen werden durch immer unflexiblere Unterrichtsmethoden zunehmend eingeschränkt. Ihnen bleibt einfach kein intellektueller Spielraum mehr. Stures Auswendiglernen langweilt und frustriert viele Jungen, und so geben sie es dann eben irgendwann auf.

Freundliche Grüße
von Garfield


Re: Thema: Gender und Schule

Maesi, Wednesday, 02.04.2003, 00:00 (vor 8344 Tagen) @ Garfield

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Garfield am 27. März 2003 10:35:47:

Hallo Garfield

Was du hier schreibst, kann ich aus eigenen Erfahrungen während meiner Schul- und Studienzeit nur bestätigen.

Ich auch.

Ich denke, wie so vieles resultiert auch das aus den unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen während der Jäger- und Sammlerzeit.
Frauen blieben meist in einem begrenzten Umfeld, in dem ihnen dann naturgemäß nicht viel Neues begegnen konnte.
Männer dagegen zogen weit umher, zum einen für die Jagd (wenn eine Jagdgruppe längere Zeit an einem Ort blieb, war die nähere Umgebung natürlich schnell "leergejagt", so daß man zur Jagd immer weiter hinausziehen mußte). Zum anderen aber auch, um Partnerinnen zu finden.[...]

Interessante Thesen.

Und das wirkt sich eben auch heute noch aus. Was mir z.B. auch häufig auffällt, ist, daß Frauen oft Probleme dabei haben, im Team mit anderen zusammen zu arbeiten. Solange sie dabei einen von den anderen Kollegen abgegrenzten Tätigkeitsbereich haben, in dem sie alles so machen können, wie sie es wollen und in dem sie sich nicht ständig neu auf jemand anderen einstellen müssen, klappt alles prima. Sobald sie aber wirklich mit jemand anderen Hand in Hand zusammen arbeiten und also ihre eigenen Aktivitäten immer wieder neu mit denen der Kollegen abstimmen müssen, gibt es Probleme. Weil viele Frauen auch da davor zurückscheuen, ihre eingefahrenen Gleise zu verlassen. Männer sind da weitaus flexibler.

Hoppla! Exakt diese Erfahrung mache ich eben jetzt in meinem beruflichen Umfeld. Meine Nachfolgerin, die ich gegenwaertig einarbeite, schwoert auf exakte Ablaufprozesse, die sie auch fein saeuberlich dokumentiert. Alle Ausnahmen, Probleme und Missverstaendnisse, die nicht nach Schema F abgearbeitet werden koennen, verursachen bei ihr aber grosse Hilflosigkeit.

In der Schule wird letzteres aber immer weniger gefördert. Meine Verlobte beispielsweise hat mir mal erzählt, wie der Mathematik-Unterricht in ihrer Schulzeit ablief. Da mußten bei den Klassenarbeiten die Aufgaben nach einem exakt festgelegten Schema gelöst werden. Nicht nur der Rechenweg war festgelegt, sondern auch die Art, wie man ihn aufschreiben mußte.[...]

Ein fast exakt gleicher Fall, wie von Dir im obigen Absatz beschrieben, ist mir ebenfalls bekannt.
Ich erinnere mich ausserdem an eine Begebenheit in meiner Lehre als kaufmaennischer Angestellter (ist immerhin 20 Jahre her). Da leitete unser Berufsschullehrer aus der allgemeinen kaufmaennischen Zinsformel die Formel fuer das durchschnittlich verzinste Kapital her; es war eine mathematisch einfache Umformung:

Zins = (Kapital * Zinsfuss * Zinstage) / (100 * 360) <=> Kapital = (Zins * 100 * 360) / (Zinsfuss * Zinstage)

Kaum zu glauben, aber wahr: die Maedchen schrieben diese und auch alle anderen umgeformten Formeln einzeln auf (auch wenn Zinsfuss oder Zinstage gesucht waren), tauschten sie untereinander aus und lernten saemtliche Formeln auswendig. Kaum ein Junge hat das getan; es genuegte ja, zu wissen, wie die jeweilige Formel hergeleitet werden musste, und so hatte man(n) dann nur noch die eine Standardformel auswendig zu lernen.
Ich gebe zu, das ist jetzt ein Einzelbeispiel, welches sich nicht so ohne weiteres auf die Allgemeinheit uebertragen laesst. Ich und auch Kollegen von mir haben allerdings so viele aehnliche Erfahrungen (nicht nur auf mathematischem Gebiet) gemacht, dass ich nicht mehr an einen Zufall glauben mag sondern eine gewisse Korrelation zum Geschlecht vermuten muss. Ich bin, wie Du offenbar auch, der Meinung, ein solches geschlechtsspezifisches Vorgehen ist nicht von der Natur gegeben sondern durch die Sozialisierung. Nichtsdestotrotz ist IMHO der Effekt real.

Das hat dann natürlich den Effekt, daß Mädchen, die eher dazu neigen, alles nach "Schema F" abzuarbeiten, klar im Vorteil sind. Noch größer sind diese Vorteile in Fächern, wo es wirklich vor allem darauf ankommt, alles gut auswendig zu lernen. Z.B. in sprachlichen Fächern.

Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Im Pauken sind Maedchen tatsaechlich Spitze.

Ich denke, das ist ein wesentlicher Grund dafür, daß Jungen in der Schule zunehmend ausgebremst werden. Viele Jungen neigen nun einmal dazu, schulische Aufgaben mehr durch logisches Denken als durch Fleiß zu lösen. Problematisch war das schon immer für die Jungen, die weniger intelligent sind. Aber auch eigentlich intelligente Jungen werden durch immer unflexiblere Unterrichtsmethoden zunehmend eingeschränkt. Ihnen bleibt einfach kein intellektueller Spielraum mehr. Stures Auswendiglernen langweilt und frustriert viele Jungen, und so geben sie es dann eben irgendwann auf.

Voellige Zustimmung.

Gruss

Maesi

Re: Thema: Gender und Schule

susu, Thursday, 27.03.2003, 16:43 (vor 8350 Tagen) @ Stefan G.

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Stefan G. am 27. März 2003 08:24:37:

Hi Stefan

Da kann ich vielleicht auch einen kleinen Punkt beitragen. Mir ist im Zusammenhang mit PISA einiges aufgefallen. Was ich im Internet so gefunden habe an Material zu diesem Thema, war sehr interessant. Prinzipiell scheint es so zu sein, daß unser Schulsystem Mädchen in hohem Maße bevorzugt, weil der Unterricht stark auf Lernstrategien ausgerichtet ist, die in der Regel eher von Mädchen benutzt werden. So arbeiten Mädchen vornehmlich mit Wiederholungs- und Kontrollstrategien, d.h. sie schauen sich Inhalte mehrfach an und prüfen dann, ob sie alles verstanden haben. Jungs benutzen in stärkerem Maße "Elaborationsstrategien". So wie ich das verstanden habe, geht es dabei um eine Form von "integrativem Denken", indem man versucht, neues Wissen in bereits vorhandene Gesamtwissensstrukturen zu integrieren.

Wobei das dann manchmal zu grausigen Gedanken, wie der Abschaffung der Koedukation führt. Das Ergebnis wäre (wenn sich der Untericht an diesen Erkenntnissen orientieren würde) eine Benachteiligung der Jungen, die Wiederholungsstrategien bevorzugen und der Mädchen, die Elaborationsstrategien anwenden. Das Konzept, das als Zielvorstellung längst in der Pädagogik vorhanden ist, in der Praxis aber zu wenig Anwendung findet (besonders in Weiterführenden Schulen) ist es, individuelles Lernen zu ermöglichen, d.h. allen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben die Themen mit ihren Möglichkeiten zu erfassen, indem verschiedene Zugänge aufgezeigt werden.

Aber ich bin kein Experte. Meine persönliche Beobachtung, die ich an der Uni gemacht habe, ist, daß Jungs und Männer wesentlich experimentierfreudiger sind - ich kann das allerdings nur für ein technisches Studium beurteilen! - Frauen hingegen sich im allgemeinen gerne in vorgegebenen Schienen bewegen (dies sehr sorgfältig), aber nur selten davon abweichen.

Kann ich nicht bestätigen. Die Frauen mit denen ich im Praktikum oder in Arbeitsgruppen zusammengearbeitet habe bewegten sich in derselben Spanne zwischen Book-learnern und und unorganisierten "Erst mal zusammenbauen, einschalten und wenn´s nicht geht gucken, was der Schaltplan sagt"-Menschen wie die Männer auch.

In der Praxis sieht das so aus, daß Studentinnen alles, was sie in der Vorlesung beigebracht bekommen, sehr gewissenhaft lernen und in den Prüfungen besser abschneiden als die Studenten. Allerdings schauen sie nur in begrenztem Maße über den Tellerrand hinaus und alles was über den vorgegebenen Rahmen hinausgeht, ist für sie nicht mehr interessant. Das hat die absurde Folge, daß ich schon Frauen im neunten Semester erlebt habe, die bis in jede Einzelheit erklären konnten, warum ein bestimmter Suchalgorithmus kubische Komplexität besitzt, die allerdings nicht in der Lage waren, unter Unix einen Druckbefehl abzusetzen oder die verzweifelt versucht haben, ein Windows-Executable unter Unix zum laufen zu bringen. Insgesamt würde ich sagen, daß unser Bildungssystem sich nicht ausreichend mit der Art und Weise auseinandersetzt, wie Männer lernen.

Sagen wir besser, es setzt sich mit bestimmten Methoden nicht ausreichend auseinander, die von einer großen Zahl Kinder angewandt werden und deren überwiegende Mehrzahl sind Jungen. Wenn wir außer Acht lassen, daß auch Mädchen diese Strategien benutzen (sie vieleicht stärker benutzen würden, wenn sie anders erzogen worden wären, klassischerweise wird Mädchen aberzogen zu handeln, Jungen aberzogen zu intellektualisieren, das schlägt sich in den bevorzugten Lernstrategien nieder), dann kommen diese Mädchen eventuell unter die Räder, genau wie die Jungen, die Wiederholungsstrategien einsetzen.

Grüße
susu

Re: Thema: Gender und Schule

Bruno, Friday, 28.03.2003, 14:07 (vor 8349 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Thema: Gender und Schule von susu am 26. März 2003 20:27:10:

Hallo susu,

ich finde es interessant, dass hier einmal ein Beitrag erscheint, der die Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern in einem Bereich versucht zu analysieren und zu erklären.

Ich weiß nicht, ob du ähnliche Erklärungen schon auf anderen Gebieten gesucht bzw. gefunden hast. Ich beschäftige mich momentan intensiv mit der Ungleichbehandlung der Geschlechter im Bereich der Krebsvorsorge. Vor allem beim Hautkrebs ist zu erkennen, dass Frauen schan ab 30 Jahren, Männer erst ab 45 Jahren eine Früherkennung bezahlt bekommen, obwohl in der Altersgruppe 30 bis 45 fast 50% mehr Männer an Hautkrebs erkranken als Frauen. Hast du da Informationen, die diese Ungleichbehandlung trotzdem mit der Gender-Philosophie in Deckung bringt?

Falls Ja, wäre ich dankbar, wenn du mir weiterhelfen könntest.

Gruß

Bruno

Hallo Zusammen.
Ich bin gerade dabei meinen Grundsatztext umzuschreiben, um ihn verständlicher zu machen und einige Kritikpunkte zu integrieren, dabei wird einiges auf der Strecke bleiben, selbst im Skelett ist da einiges zu wurschteln, besonders, was die 2.Abwertung angeht.
In dem Zusammenhang testete ich die neue These an einem Sachthema: der Schulpolitik. Im Rahmen der Männerbewegung wurde festgestellt, daß heutzutage Jungen und nicht Mädchen die Benachteiligten sind, meine Analyse kommt zu leicht anderen Ergebnissen, die dennoch mit den gemachten Ergebnissen konform gehen.
Beanstandet wurde von Seiten der Männerbewegung, daß mehr Mädchen als Jungen Abitur machen, ihre Noten besser seien und mehr Jungen als Verhaltensauffällig beurteilt würden. Wenn wir die beiden Blöcke Mädchen und Jungen jedoch differenzierter betrachten, ergibt sich ein anderes Bild. Die für den Schulerfolg nötigen Fähigkeiten zur Konzentration und Kooperation sind weiblich besetzt, Störverhalten und Agressivität dagegen männlich. Die Gewinner sind weibliche Mädchen, geschlechtskongruent und schulangemessen. Dannach kommen die Jungen, entweder sie sind männlich, dann haben sie eher Schulstress, oder werden als verhaltensauffällig angesehen, oder sie sind unmännlich, dann gibt´s Probleme mit der Clicque oder den lokalen "Bullies", auch wenn die Schule fluppt.
Aber, ein glass ceiling bringt auch einen glass floor mit sich und der bewahrt die Jungen vom ganz tiefen Absturz, den unweibliche Mädchen erleiden können. So meine These, die sich aus dem Grundsatztext ergab. Also suchte ich nach Fakten und fand herraus, daß sich z.B. für sich agressiv verhaltende Mädchen da tatsächlich Abgründe auftun (wenn ihr dazu noch sucht und fündig werdet, bitte sofort melden).
Die Theorie scheint zu funktionieren, um die Zustände zu beschreiben, mal sehen, ob sich daraus neue Handlungsansätze ergeben.
susu

Re: Thema: Gender und Schule

susu, Friday, 28.03.2003, 22:21 (vor 8348 Tagen) @ Bruno

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Bruno am 28. März 2003 12:07:24:

Hallo Bruno.

ich finde es interessant, dass hier einmal ein Beitrag erscheint, der die Diskrepanzen zwischen den Geschlechtern in einem Bereich versucht zu analysieren und zu erklären.
Ich weiß nicht, ob du ähnliche Erklärungen schon auf anderen Gebieten gesucht bzw. gefunden hast.

Die Theorie die ich erarbeitet habe, basierte im besonderen auf Betrachtungen zu den Themen "Aufteilung der Kindererziehung" und "häusliche Gewalt". Ich habe mich mit weiteren Problemen im Genderbereich auseinandergesetzt, sie allerdings noch nicht innerhalb dieses konkreten Ansatzes. Meine Planung sieht im Moment so aus, daß ich zunächst den Grundsatztext neu formulieren möchte (der erste Entwurf ist im Archiv dieses Forums) und dann zu diversen Sachthemen einzelne Texte schreiben werde, die versuchen die aktuelle Situation mit diesem Ansatz zu beschreiben und eventuell neue Handlungsansätze zu finden.

Ich beschäftige mich momentan intensiv mit der Ungleichbehandlung der Geschlechter im Bereich der Krebsvorsorge. Vor allem beim Hautkrebs ist zu erkennen, dass Frauen schan ab 30 Jahren, Männer erst ab 45 Jahren eine Früherkennung bezahlt bekommen, obwohl in der Altersgruppe 30 bis 45 fast 50% mehr Männer an Hautkrebs erkranken als Frauen. Hast du da Informationen, die diese Ungleichbehandlung trotzdem mit der Gender-Philosophie in Deckung bringt?

Ich habe mich mit der Geschlechterdiskrepanz im Gesundheitswesen nicht eingehend genug befasst, um jetzt sagen zu können, ob mein Beschreibungsansatz (der soweit ich weiß relativ originär ist, zumindest in der Darstellungsform) diese Thematik adäquat beschreibt. Wobei ich fragen würde: Welche Gender-Philosophie meinst du jetzt? Das ist ja eher ein Unterberich der Philosophie, so wie Ethik oder Wissenschaftsphilosophie und in diesen Bereichen gibt es ja auch nicht nur eine These.

Falls Ja, wäre ich dankbar, wenn du mir weiterhelfen könntest.

Wenn ich den Grundsatztext überarbeitet habe, werde ich ihn hier posten, vieleicht funktioniert diese Beschreibung für "dein" Thema, vieleicht nicht. Im Bereich Schule hat mir die Theorie eine neue Sichtweise, ein zusätzliches Problembewustsein und neue Handlungsperspektiven eröffnet, vieleicht kann die Theorie dasselbe für den Bereich Krebsvorsorge leisten.

susu

Re: Thema: Gender und Schule

Bruno, Tuesday, 01.04.2003, 14:57 (vor 8345 Tagen) @ susu

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von susu am 28. März 2003 20:21:32:

Hallo susu,

danke für die Information. Ich bin schon auf deine Theorie gespannt.

Bezüglich Gender-Philosophie muss ich zugeben, dass ich mich noch nicht so intensiv damit beschäftigt habe wie du. Mir ist erklärt worden, bzw. ich habe gelesen, dass das Gender Mainstream den Ansatz der Chancengleichheit verfolgen wolle. Nachteile von Geschlechetrn durch biologische oder historische Gegebenheiten sollen dadurch ausgeglichen werden, dass spezielle Förderprogramme und gesetzliche Regelungen für ein Geschlecht geschaffen werden, um die Chancengleichheit wieder herzustellen. Eigentlich ein prima Ansatz. Leider wird dieser jedoch nur auf die Chancengleichheit von Frauen, nicht jedoch auf die Chancengleichheit von Männern angewandt, obwohl immer von Chancengleichheit von Frauen und Männern geredet wird. Somit hat das ganze für mich den Eindruck, als würde hier nur weiterhin einseitige Frauenpolitik, jetzt aber noch über die Gleichberechtigung hinaus, gerechtfertigt werden.

Gruß

Bruno

Re: Thema: Gender und Schule

Jörg, Tuesday, 01.04.2003, 16:05 (vor 8345 Tagen) @ Bruno

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Bruno am 01. April 2003 11:57:26:

Hallo Bruno,

unter dem nachfolgenden Link kannst Du bei Interesse einen ganz
interessanten Artikel des Rechtsprofessors Bock aus Mainz zu dem Thema
Gender-Mainstreaming nachlesen:

Von der Gleichstellung zur Gleichschaltung.
Gender-mainstreaming als totalitäre Steigerung von Frauenpolitik

Gruß, Jörg

Re: Thema: Gender und Schule

Bruno, Wednesday, 02.04.2003, 14:53 (vor 8344 Tagen) @ Jörg

Als Antwort auf: Re: Thema: Gender und Schule von Jörg am 01. April 2003 13:05:40:

Hallo Bruno,
unter dem nachfolgenden Link kannst Du bei Interesse einen ganz
interessanten Artikel des Rechtsprofessors Bock aus Mainz zu dem Thema
Gender-Mainstreaming nachlesen:
Von der Gleichstellung zur Gleichschaltung.
Gender-mainstreaming als totalitäre Steigerung von Frauenpolitik

Gruß, Jörg

Hallo Jörg,

vielen Dank für die Info. Das hört sich ja schlimmer an als ich befürchtet habe.

Gruß

Bruno

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