Wieviel «Gleichberechtigung» verträgt das Land?

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"Männer: das schwache Geschlecht"

Oberkellner, Tuesday, 05.11.2002, 22:08 (vor 8491 Tagen)

Der nachstehende Artikel stand am 2.11.02 in der "Rheinischen Post" (Düsseldorf). Ein Artikel, der zum x-ten Mal den Mythos vom Mann als dem "schwachen Geschlecht" aufwärmt (wobei das Meiste freilich längst widerlegt ist).
Ich habe der Rheinischen Post einen Leserbrief geschrieben (den ich hier gerne veröffentlichen kann, wenn Interesse besteht) und möchte die Besucher dieses Forums dazu auffordern, Gleiches zu tun. Die Mailadresse:
leserbriefe@rheinische-post.de
Wenn die Verfasser solcher Artikel merken, dass sie Gegenwind bekommen, werden sie so etwas so schnell nicht mehr schreiben. Hoffentlich...

Männer: das schwache Geschlecht

Testosteron, das männlichste aller Hormone, schwächt das Immunsystem und beschleunigt das Altern. Mediziner haben längst erkannt: Die eigentlich so starken Kerle sind meist alles andere als unverwüstlich.

Von SABINE WERZ

DÜSSELDORF. Wann ist ein Mann ein Mann? Hollywood weiß die Antwort: Ein echter Kerl ist unverwüstlich wie John Wayne, der einen Indianerpfeil aus seinem Arm zerrt und weiterkämpft oder hart wie Terminator Schwarzenegger, der Patronen an seiner Brust abprallen lässt. Okay, das sind Leinwandlegenden, aber auch im wahren Leben hält sich das Gerücht, Männer seien das schmerzresistente und stahlnervige, kurzum das starke Geschlecht.

Frauen wissen es besser und machen gerne Witze über die notorische Wehleidigkeit ihrer besseren Hälfte im kleinsten Krankheitsfall. Etwa diesen: "Männer haben nie Schnupfen, sondern eine Virusgrippe, nie Kopfschmerzen, sondern einen Gehirntumor."

Eine Hustenmittel-Werbung hat solch einen verschnupften Softie mit Jammerdiplom im TV unsterblich gemacht. Slogan: "Olaf hat Husten" - und sieht in lappigem Bademantel so sterbenselend aus wie sein Husten, Krächzen und Leiden sich anhören. Bis Mama - pardon die Ehefrau - das rettende Medikament verabreicht und Olaf selig wie das Baby einschläft, das er erfolgreich mimt.

Wer hat nun Recht? Hollywood oder die Werbung? Im Falle von Schmerzen beide. Zum einen, so stellte die Deutsche Schmerzliga fest, sind Männer dank Testosteron schmerzunempfindlicher als Frauen. Weibliche Östrogene aber steigern die Aktivität des Nervensystems und damit die Weiterleitung von Schmerzimpulsen.

Andererseits sind Frauen weniger wehleidig. "Sie sind von ihrer biologischen Anlage her von Jugend an mit Regelleiden und Geburtswehen behaftet, wodurch sie lernen, mit Schmerzen umzugehen", erklärt der Frankfurter Schmerzarzt Thomas Flöter. Der Lernerfolg: Frauen gehen bei ersten Anzeichen von Unwohlsein zum Arzt, können Symptome genauer beschreiben, haben so bessere Behandlungs-Chancen und leben gesundheitsbewusster.

Der echte Adam hingegen übertreibt zwar daheim einen Schnupfen, wenn er mit weiblicher Fürsorge und schneller Abhilfe rechnen kann. Über ernsthafte Beschwerden hingegen schweigt er sich aus - vor allem im Job oder beim Arzt. Der John Wayne in ihm verbietet es, Schwächen zuzugeben, wenn sie mit Kontrollverlust verbunden sind.

Flöter: "Deshalb wird gewartet und verdrängt, bis es wirklich nicht mehr geht" - und richtig weh tut. 70 Prozent aller Männer fürchten sich so vor dem Zahnarzt, dass sie erst dann hingehen, wenn die notwendige Behandlung hochgradig unangenehm ist. Noch gefährlicher: Sie ignorieren Hinweise auf lebensbedrohliche Krankheiten. Zwölffingerdarm-Geschwüre, Lungenkrebs und Diabetes sind unter Männern wesentlich häufiger verbreitet als unter Frauen. Jeder zweite Mann bekommt Krebs, aber nur jede dritte Frau!

Zum einen sind daran falsche Heldenbilder, ungesunde Verdrängung, die männliche Arztphobie und der Mangel an Vorsorge schuld, zum anderen aber auch die Biologie und das männlichste aller Hormone. Testosteron fördert zwar die Muskelbildung, schwächt aber die Widerstandskraft des Immunsystems und beschleunigt das Altern. So haben Eunuchen eine viel höhere Lebenserwartung als andere Männer und Frauen bekanntlich die höchste. Zur Zeit überleben sie das starke Geschlecht hierzulande um sieben Jahre.

Nicht erst im letzten Lebensdrittel sichert Weiblichkeit bessere Überlebenschancen, sondern bereits vor der Geburt. Bei der Befruchtung gewinnen häufiger die Spermien mit X-Chromosomen, dem weiblichen genetischen Code, den Wettkampf ums Leben. Die Y-Spermien sind zwar schneller, dafür aber empfindlicher. Hat die mögliche Mutter in der Empfängnisphase Stress, sterben sie sofort ab. Diese Empfindlichkeit begleitet Männer von der Wiege bis zur Bahre.

Ein XY-Keimling ist anfälliger für Erbkrankheiten, der männliche Fötus stärker gefährdet, an einer vorgeburtlichen Krankheit zugrunde zu gehen. Auf rund 100 Mädchen werden über 120 Jungen gezeugt, doch das Licht der Welt erblicken nur 105 Jungen auf 100 Mädchen. Im späteren Leben gefährdet die hohe Produktion von Stresshormonen kleine und große Helden. Diese Stressanfälligkeit ist ein Relikt aus der Urzeit. Im Kampf mit Mammuts oder Höhlenbären spornten die Hormone den Jäger zu Höchstleistungen an. Heute sind sie kräftezehrende Krankmacher.

Aggressionen im Supermarkt

Schon beim Schlangestehen an der Supermarktkasse schaltet der männliche Hormonhaushalt auf Alarm und polt alle Körperfunktionen auf Kampfhandlungen. Leider stehen an Supermarktkassen keine Mammuts an, um die Aggressionen abzubauen. Folge ist eine Anfälligkeit für Herzkrankheiten.

Molekularbiologe Jens Reich fasst die bedrückenden Erkenntnisse über die angeborene Schwäche des männlichen Geschlechts so zusammen: "Ein Mann zu sein, ist der höchste genetische Defekt der Natur."

Fatal ist es, wenn dieser Defekt durch traditionelles Rollenverhalten noch verstärkt wird. Der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann beklagt, dass Männer bis zur Selbstzerstörung am Mythos der Unverwundbarkeit festhalten, daher auch viel höhere Risiken bei Sport oder im Verkehr auf sich nehmen und entsprechend oft verunglücken. Der Soziologe empfiehlt ein grundsätzliches Umdenken, da eine Erziehung nach dem Motto "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" nachgerade eine Aufforderung zum Selbstmord auf Raten ist.

Fazit: Männer sind das schwächere Geschlecht - mehr Gleichberechtigung in Sachen Körperbewusstsein, Selbstausdruck und Gefühlsstärke ist für sie lebensnotwendig.

Re: "Männer: das schwache Geschlecht"

Martin, Tuesday, 05.11.2002, 23:35 (vor 8491 Tagen) @ Oberkellner

Als Antwort auf: "Männer: das schwache Geschlecht" von Oberkellner am 05. November 2002 20:08:09:

Hallo!

Andererseits sind Frauen weniger wehleidig.

Andererseits heißt es, Frauen seien sensibler (eben wie man's gerade braucht; Beispiel auf meiner verlinkten Seite)

Jeder zweite Mann bekommt Krebs, aber nur jede dritte Frau!

Und wie viele Männer arbeiten in schwefel-, staub- und benzolhaltigen Atmosphären und wie viele Frauen?

Testosteron fördert zwar die Muskelbildung, schwächt aber die Widerstandskraft des Immunsystems und beschleunigt das Altern. So haben ... Frauen bekanntlich die höchste [Lebenserwartung]. Zur Zeit überleben sie das starke Geschlecht hierzulande um sieben Jahre.

Sehr richtig: "Zur Zeit"! M. W. war das vor der industriellen Revolution Mitte des 19. Jhdts. noch nicht so! Kann also nicht das Testosteron (alleine) daran schuld sein, das gab's vorher auch schon!

...X-Chromosomen, dem weiblichen genetischen Code,

Sprach- bzw. Verständnisfehler. Noch mal: Der genetische Code ist die genaue Zuordnung zwischen Basentrippletts und Aminosäuren bei der Eiweißsynthese.
Gemeint sind hier aber die Gene auf dem X-Chromosom!
Vielleicht Haarspalterei, aber als Journalist sollte man m. E. schon wissen, was man schreibt! Immerhin steht die Sorgfaltspflicht in den Pressegesetzen und im Pressecodex!

Diese Empfindlichkeit begleitet Männer von der Wiege bis zur Bahre.

Siehe ganz oben.

Aggressionen im Supermarkt
Schon beim Schlangestehen an der Supermarktkasse schaltet der männliche Hormonhaushalt auf Alarm und polt alle Körperfunktionen auf Kampfhandlungen.

Hm. Also deshalb fluche ich beim Schlange stehen immer, wenn mehr als eine Person vor mir steht...

"Ein Mann zu sein, ist der höchste genetische Defekt der Natur."

Und dieser (zitierte) Satz ist Politische Korrektheit in Vollendung: "Männlichkeit", also Bisexualität, ist empirisch keine (Fehl-) Entwicklung des Menschen, sondern im Gegenteil im Tier- und im Pflanzenreich weit verbreitet, wahrscheinlich sogar im Laufe der Entwicklung mehrfach unabhängig voneinander entstanden! Das muss schon seine Vorteile haben (Rekombination - also Neuverteilung - der Gene etc.)!

Bis dann,
Martin

Meine Seite zum Thema

Nur um Sicher um sicher zu gehen,

Pit b., Thursday, 07.11.2002, 03:44 (vor 8490 Tagen) @ Martin

Als Antwort auf: Re: "Männer: das schwache Geschlecht" von Martin am 05. November 2002 21:35:59:

ist dein Name Martin oder Martina?

Drück dich klarer aus! (n/t)

Martin/a, Thursday, 07.11.2002, 13:53 (vor 8489 Tagen) @ Pit b.

Als Antwort auf: Nur um Sicher um sicher zu gehen, von Pit b. am 07. November 2002 01:44:26:

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