Wenn der Mensch zur MenschIn wird - oder:

Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

How much »equality« the country can stand?

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Über das Phänomen der sinnlosen Berufe (Deutsche Übersetzung - Teil 2) (Allgemein)

Varano, Città del Monte, Samstag, 10.09.2016, 23:43 (vor 379 Tagen) @ Varano

Dann noch der Rest der Übersetzung. Nebenbei bemerkt, es wäre hilfreich, wenn dann mal jemand die ganze Übersetzung korrekturlesen würde, schließlich bin ich alles andere als ein professioneller Übersetzer.

Wie auch immer, hier also der zweite und letzte Teil des Textes:

*

Mir ist klar, dass solche Argumente auf sofortigen Widerspruch stoßen: „Wer gibt Ihnen das Recht zu bestimmen, welche Arbeit 'nötig' ist? Was ist überhaupt nötig? Sie sind ein Anthropologe, wofür soll denn das gut sein?“ (Und zugegebenermaßen dürften etliche Leser der Boulevardzeitungen meinen Beruf als ein Musterbeispiel für öffentliche Geldverschwendung sehen). In gewisser Weise ist dies offensichtlich die Wahrheit: Es gibt keine objektive Maßeinheit für gesellschaftlichen Nutzen.

Wenn jemand überzeugt ist, dass er der Menschheit einen wertvollen Dienst leistet, dann werde ich mir nicht anmaßen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber was ist mit jenen Leuten, die selbst überzeugt sind, dass ihr Beruf sinnentleert ist? Neulich traf ich einen alten Schulfreund, den ich seit meinem 12. Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Ich war verblüfft als ich erfuhr, dass er in der Zwischenzeit zunächst ein Dichter, dann der Frontmann einer Indie-Rockband gewesen war. Ich hatte manche seiner Titel im Radio gehört ohne zu ahnen, dass ich den Sänger persönlich kenne. Er war offensichtlich großartig, bahnbrechend, und sein Schaffen hatte ohne jeden Zweifel das Leben von Menschen in der ganzen Welt verschönert und verbessert. Doch nach einigen Alben ohne Erfolg wurde sein Vertrag gekündigt, und unter der Last der Schulden und mit einer neugeborenen Tochter, so erzählte er, „fiel die Wahl auf das, was sich so viele ziellose Leute üblicherweise aussuchen: ein Jura-Studium“. Jetzt ist er Firmenanwalt in einem bekannten New Yorker Unternehmen. Er war der erste, der zugab, dass seine Arbeit zutiefst sinnlos ist, dass sie keinerlei Nutzen hat, und dass, seiner eigenen Einschätzung zufolge, es diese Arbeitsstelle besser gar nicht geben sollte.

Man könnte hier eine Menge Fragen stellen. Zunächst einmal: Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn es anscheinend nur einen sehr begrenzten Bedarf an talentierten Dichtern und Musikern gibt, aber einen offenbar unbegrenzten Bedarf an Spezialisten für Unternehmensrecht? (Antwort: Wenn 1% der Bevölkerung den Großteil des verfügbaren Wohlstands kontrolliert, dann bestimmt dieses eine Prozent und niemand sonst, was „der Markt“ für nützlich und wichtig zu halten hat). Aber in noch größerem Maße zeigt dies, dass dies den meisten Menschen in solchen Berufen durchaus bewusst ist. Genau genommen bin ich mir nicht sicher, ob ich jemals einen Firmenanwalt getroffen habe, der seine Arbeit nicht für blödsinnig hielt. Das Gleiche gilt für fast alle neuartigen Geschäftszweige, die ich oben genannt habe. Für eine ganze Klasse bezahlter Fachkräfte gilt: Wenn man ihnen auf einer Party begegnet und dabei zugibt, dass die eigene Arbeit interessant sein könnte (wie es z.B. bei Anthropologen der Fall ist), dann werden sie es zu vermeiden suchen, über ihre eigene Arbeit zu reden. Wenn man ihnen ein paar Drinks spendiert, dann werden sie eine Schimpfkanonade vom Stapel lassen, wie sinnlos und bescheuert ihre Arbeit in Wirklichkeit ist.

Dies ist tiefgreifende psychische Gewalt. Wie kann man von der Würde der Arbeit reden, wenn man insgeheim das Gefühl hat, dass die eigene Arbeitsstelle nicht existieren sollte? Dies muss zu einem Gefühl tiefer Wut und Verbitterung führen. Doch aufgrund einer eigenartigen Geisteshaltung in unserer Gesellschaft haben die Mächtigen, wie im Falle der Fischfrittierer, einen Weg gefunden um sicherzustellen, dass sich diese Wut genau gegen jene richtet, die sinnvolle Arbeit erledigen. Zum Beispiel scheint in unserer Gesellschaft die Regel zu herrschen: Je offensichtlicher ein Beruf anderen Leuten nützt, desto geringer ist wahrscheinlich der Lohn. Eine objektive Maßeinheit dafür ist wiederum schwer zu finden, aber um dies auf einfache Weise abzuschätzen, beantworte man die Frage: Was wäre, wenn diese ganze Gruppe von Menschen plötzlich verschwunden wäre? Von Krankenschwestern, Müllmännern und Mechanikern mag man halten was man will, aber es ist klar: Würden sie sich in Luft auflösen, wären die Folgen sofort spürbar, und sie wären katastrophal. Eine Welt ohne Lehrer und ohne Hafenarbeiter wäre ziemlich bald in Schwierigkeiten, und sogar ohne Science-Fiction-Schriftsteller oder Ska-Musiker wäre die Welt ärmer. Es ist nicht ganz klar, inwiefern die Menschheit darunter leiden würde, wenn alle Geschäftsführer, Lobbyisten, Werbefuzzies, Versicherungsmathematiker, Telefonverkäufer, Gerichtsvollzieher und juristischen Berater in gleicher Weise verschwinden würden. (Viele Leute glauben, die Welt wäre womöglich merklich angenehmer). Abgesehen von einer Handvoll gern zitierter Ausnahmen (Ärzte), trifft's die genannte Regel erstaunlich gut.

Noch perverser ist: Es scheint Konsens zu herrschen, dass das auch genau so sein muss. Dies ist eine der geheimen Stärken des Rechtspopulismus. Man sieht dies, wenn die Boulevardpresse Feindseligkeit gegen U-Bahn-Fahrer schürt, weil diese London während eines Tarifstreiks lahmlegen: Denn wenn U-Bahn-Fahrer London lahmlegen können, dann beweist dies, dass ihre Arbeit tatsächlich nötig ist; aber genau hiervon sind die Leute offenbar genervt. Noch klarer ist dies in den USA, wo die Republikaner beachtlichen Erfolg damit haben, Feindseligkeit gegen Lehrer oder gegen Automobilarbeiter zu schüren wegen der angeblich übertriebenen Löhne und Zusatzleistungen (und nicht etwa gegen die Schulverwaltung und die Manager der Autoindustrie, die eigentlich für die Probleme verantwortlich sind). Es ist, als würde man ihnen sagen: „Aber du darfst doch Kinder unterrichten! Oder Autos bauen! Du hast doch einen richtigen Beruf, und da erwartest du auch noch, dass du eine Rente in mittlerer Höhe und Gesundheitsfürsorge bekommst?“

Wenn jemand ein Regime der Arbeit entworfen hätte mit dem Ziel, die Macht des Geldadels bestmöglich zu erhalten, dann hätte er sich kaum etwas besserer ausdenken können. Echte, produktive Arbeiter werden gnadenlos ausgequetscht und ausgebeutet. Der Rest verteilt sich auf eine eingeschüchterte Schicht von allseits geschmähten Arbeitslosen, und eine größere Schicht von Leuten, die im Prinzip fürs Nichtstun bezahlt werden und die Stellen innehaben (z.B. Manager, Verwaltungsbeamte), die dazu geschaffen wurden, dass die Stelleninhaber sich mit der Sichtweise und den Befindlichkeiten der herrschenden Klasse und insbesondere der Hochfinanz identifizieren – und die gleichzeitig einen schwelenden Groll gegen jeden hegen, dessen Arbeit einen klaren und unleugbaren Wert für die Gesellschaft hat. Zweifellos wurde dieses System nicht bewusst entworfen, es ergab sich aus nahezu einem Jahrhundert des Herumprobierens. Aber dies ist die einzige Erklärung, warum wir, trotz der Möglichkeiten der Technik, keinen Drei- bis Vier-Stunden-Arbeitstag haben.

David Graeber ist Professor für Anthropologie an der London School of Economics. Sein neuestes Buch „The Democracy Project: A History, a Crisis, a Movement“, ist bei Spiegel & Grau erschienen.

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