Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

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Noch ein paar Gedanken

verfasst von Narrowitsch(R), Berlin, 12.03.2009, 15:10

» aber nicht von mir.

Eugen hat bei Manndat, ich bei femdisk.

» Gruß - Christine

Gru? zurück, Christine
Ich erlaube mir, mein Gedenke trotz des Umfangs auch hier zu veröffentlichen, weil ich meine, der Anlass und das Pressegeschrei rechtfertigen es. Muss ja net jeder sich antun...

Hier also meine Beobachtungen:

Ich bekenne: Ich bin nicht betroffen und ich trauere nicht um die Opfer des Amoklaufs in Winnenden; sie waren mir nicht bekannt - die Jungen, Mädel und Lehrerinnen. Ich habe keine Ahnung, ob jemand um Menschen trauern kann, denen er nie begegnete, mit denen ihn nichts verband- weder im Streit noch in Zuneigung. Ich bekenne mich also zu einem psychischen Defekt , der spätestens seit das Psychoanalytiker - Paar Mitscherlich die "Unfähigkeit zu Trauern" in die Welt setzte, als Ursache für allerlei schuldhaftes, unmenschliches Handeln gilt. Ich gestehe weiter: Unter meiner Haut ist nicht genug Platz für alles Elend der Welt, auch wenn ich die Welt gern anders hätte, als sie sich täglich in den "Tagesthemen" zeigt.

Aber: Ich bin durchaus der Empathie fähig; ich kann mich in Eltern , die ihre Kinder wegen eines durch nichts zu rechtfertigen Amoklaufs verloren, einfühlen, auch in Gatten und Geschwister, die eine nahestehende Frau unter den Toten wissen. Gewiss kommt da eine Stimmung in Nachdenklichkeit auf, so eine seltsame Melancholie.
Aber auch Wut steigt in mir auf . Richtig böse wütend bin ich. Aus meiner Empathie - Fähigkeit heraus - vermutlich. Und zwar deshalb:

Kaum spuckten gestern die Presse - Ticker fortwährend neue Meldung vom Amoklauf eines 17jährigen in Winnenden in Reduktionsstuben und auf die Schreibtische der Öffentlichkeitsbeauftragten diverser offizieller Stellen und schon aktivierte sich in Windeseile der übliche Betroffenheitsklapperatismus.

Die Kanzlerin trauerte: Wir alle trauern - sagte sie und alle sollten beteten. Deutschland trauert, wir alle trauern. Offengestanden glaube ich es nicht. Den Leuten - auch Kanzlerinnen -geht es vermutlich nicht besser als mir- sie sind unfähig abstrakte Opfer zu betrauern.

Der Bundespräsident trauerte auch. Der Landesvater Oettinger ebenfalls. Auch die Bundesuschi - diesmal ohne Grinsen. Alle trauerten. Mit angemessener Mine. Um die Schülerinnen und Schüler, um die Lehrerinnen. Aber von niemanden hörte ich vom Mitgefühl mit den Eltern des Amokläufers. Sie sind wohl selbst schuld?

Ich sage: Heuchler!

Und dann die Medien: Programmänderungen, fortlaufend das Neuste vom Ort des Geschehens, jedes Blatt zeigte, wie schnell es up to date Meldungen unter die Leute bringen kann, was alles in gut organisierten Archiven nur auf Abruf wartet :

Alles über den Fall Winnenden
Was wirklich geschah
Der Amoklauf Minute für Minute rekonstruiert
Die bisherigen Amokläufe (mit Grafik zum Anklicken)

Phoenix brachte Sendungen zu vergangenen Amokläufen, alles damals Gedachte , Gesprochene, vermutete, Anklagende - alles das schnell wieder ins kollektive Gedächtnis zu rufen, darum schien ein Wettlauf ausgerufen. Und viele Sender ließen Teams ausschwärmen. Auch nach Erfurt beispielsweise- mal schauen wie die Schüler in der dortigen Amok- Schule reagieren. Die waren nun wirklich betroffen- das bringt Bilder! Usw., usw., usw. Ging es noch um Berichte? Oder schon um Quoten und Auflageziffern?

Ich vermute: Heuchler!

Parallel zu diesem Mediengerummel beugten sich die üblichen Verdächtigen - vor allem Psychologen, Buchautoren und Krimininalisten - über ihre Kristallkugeln , forschten dort nach Ursachen für Unerklärbares und orakelten: Ohnmachtsgefühle, Killerspiele, mangelnde Kommunikation, Schulversagen, Elternversagen, die Gesellschaft…

Und nach diesen vorgaben Kommentare, Kommentare, Kommentare...;

Viel war von Kommunikation die Rede, man muss mehr sprechen. Wir alle müssen mehr aufeinander achten., Zeichen wahrnehmen...;. Familie und Schulen mehr zusammenarbeiten...;. Und und und . Die ganze Leier von den Vorjahren.

Ich sage abermals: Heuchler!

Denn: Bislang bleibt alles zum Thema Spekulation. Bedauerlicherweise nehmen sich die Amokläufer nämlich selbst das Leben, anstatt sich den Psychologen , den Pädagogen, Kriminologen, Soziologen als Forschungsgegenstand zur Verfügung zu stellen. Sie könnten dann noch schneller Diagnosen stellen, als sie es jetzt schon tun. Unter Hinweis- man müsse mehr wissen...

Immerhin - plötzlich taucht vermehrt das Wort "Familie" im Sinne von Erziehung, von Geborgenheit, von Wertevermittlung, Schutzraum auf. Also jener Ort, dem im staatlich angeführten gesellschaftlichen Diskurs Eigenschaften der Unvollkommenheit verpasst werden: Hort der (sexuellen) Gewalt, bildungsfern, unwichtig - wenn es um Selbstverwirklichung geht. Ein mängelbehafteter Ort also, dem StaatIn mit Ganztagsschulen (!), mit mehr Krippen und Kindergärten ab dem Jahre null einen Ort der Bildung und Seeligkeit entgegensetzen will. Und natürlich um der Selbstverwirklichung , die freilich nur in Berufstätigkeit zu finden ist, eine raum zu verschaffen. Zu dieser Wechselwirkung befragt keiner der "Experten" die Kugel, kein Journalist sein Gegenüber...

Fest allein scheint eines zu stehen: Der Deliquent mache die Gesellschaft verantwortlich, für alles, was er selbst zu verantworten habe. Das sagen Leute, die die Gesellschaft immer als kollektiven Bösewicht herbei zietieren, wenn es im Alltag nicht nach ihrer politisch - ideologischen Nase geht.

Alles Heuchler!

Exemplarisch und bemerkenswert - Plasberg`s " Hart aber fair"

Zur Abgabe der Statemants angetreten:

Christian Pfeiffer ( Herr im Himmel - gibt es zu diesem Thema nur diesen einen Pfeiffer? Keinen aus Bayern oder Berlin?) zu reflexhafter Killerspielverdammung, Kritik am Macho--all den üblichen Dreck

Universalgenie Bosbach, der zu Allem und jedem alles und jedes weis, eben noch in Sachen Steinbach unterwegs, nun Kreuzritter gegen unkontrolliertes Internet und Killerspiele.

Rebecca Bondü - Psychologin Uni Berlin und Buchautorin, die zwar auch nicht genaues weis, aber auf jeden Fall mehr "Psychologie" einfordert.

Der Journalist Tom Westerholt, Spieleexperte, dem die Nichtverfügbarkeit von Waffen am Herzen liegt.

Johannes Struzek - Landesschülersptrecher, der vielleicht einzige tatsächliche Experte.

Bemerkenswert an der Sendung:

1. Nicht Pudel Kerner oder Frauinnen Meischberger Illgner, moderierten - wie sonst üblich- eine brisante aktuelle Sendung, sondern Frank Plasberg , ein Kerl, der wenigstens in Ansätzen eine wirkliche Diskussion in Gange bringen kann. Es kommt mir so vor, als lernte die ARD ganz langsam. Zumindest - wenn es brennt.

2. Die Zusammenstellung der Runde deutet auf den Willen hin, Widerspruch zu dulden. Und tatsächlich kam weder Pfeiffer noch Bosbach so recht in Fahrt, weil Schülersprecher und Journalist übliche Plattitüden nicht durchgehen ließen.
3. Unser Pfeifferlein formulierte eine Beobachtung, die er freilich nur nach seinen Denkschemata interpretieren vermag: Die Amokläuferei trete nun vermehrt als Phänomen in Skandinavien, den USA und Deutschland auf. In den südlichen Ländern dagegen nicht. Pfeiffers Schluss: es liege an den Temperamenten; der Südländer ließe alles mehr heraus, sei impulsiver usw.;
Auf den Gedanken, ein gewisses gesellschaftliches Klima könne Amokläufe befördern. Ein Klima , das Jungen verachtet- darauf kommt Guru Pfeiffer nicht. Wer nicht fragt , bekomt keine antwort. Pfeiffer zeigt, wie Forschung hierzulande läuft.


Nicht uninteressant "Hart aber fair". Für mich war es der krönende Abschluss eines ereignisreichen Tages. "Die Fassungslosigkeit nach dem Amoklauf: Erfurt, Emsdetten und jetzt Winnenden: Die Angst wird zum Begleiter unserer Kinder. Müssen wir uns an amerikanische Verhältnisse in Deutschland gewöhnen?"
So annoncierte die ARD ihre aktuell Sondersendung auf ihrer HP. Ich meine zu recht.

Resümiere ich den Tag im Spiegel der Medien, kommt mir danach die Galle hoch, die Scheinheiligkeit treibt sie mir nach oben.

Es müssen etliche Menschen zugleich sterben, um die Presse in die Puschen zu kriegen. Jene Schüler, die sich heimlich den Strick nehmen, auf die Gleise werfen, die Pulsadern öffnen - sie finden keine Aufmerksamkeit. Die Öffentlichkeit kennt nicht einmal deren Anzahl. Keine Trauer. Keine Massengottesdienste, keine Kerzen. Nein. Obwohl die Ursachen für den Suizid womöglich denen der Amokläufer gleicht.

Erst ne ordentliche Sensation bringt alle möglichen und unmöglichen Leut auf die Beine. Und dann kommt es wie es in der Mediendemokratie kommen muss:

Die politprofessionellen und andere Gutmenschen fordern Verbote: Killerspiele müssen weg. Im Internet müssen Verbote her und Kontrollen. Es gäbe Foren, so habe ich gelernt, in denen die User Amokläufer zu Helden stilisieren. Das gehöre verboten. Gut. Vielleicht.
Und wie weit ist der Schritt bis zum Verbot von Foren, die sich dem staatlichen Gebot des Gendermainstreams widersetzen? Oder der staatlich gelenkten Geschichtsauffassung? Könnte der Mord an einer Feministin die Argumente liefern, um mit den gelben , Manndat, femdisk oder der Burg den Garaus zu machen?

Pädagogen fordern mehr Stellen und mehr, noch mehr Einfluss auf die Erziehung der ihnen Anvertrauten(!) . Bündnisse mit den Eltern müssten her- sagen sie. Und vergessen: Umgedreht wird ein Schuh daraus. Nicht die Schule gibt Erziehungsziele vor, auch der Staat nicht - sondern die Eltern. Ist Elternschaft eigentlich ein Menschenrecht? Derzeit sehe ichdie Poltik in Richtung eines angestrebten Zieles entgegen zu marschieren: Elternschaft nicht mehr als natürliches Recht zweier Menschen, sondern als Lieferant von manpower, gezüchtet und dressiert nach Vorgaben von Staat und Wirtschaft. Und Pädagogen machen mit. Nicht allgemeine Wissensvermittlung steht an erster Stelle, sondern Erziehung. Wie sie aussieht ist bei genderama knapp und treffend zu besichtigen.

Psychologen, namentlich Schulpsychologen empfehlen dringend- na was? Richtig! Mehr Psychologen, besonders Schulpsychologen. Der Schülersprecher bei Plasberg wies darauf hin, dass kein Schüler zum Lehrer mit Sorgen geht. Sollte er zum Schulpsychoheini gehen?

Die Sozialforscher? Natürlich...

Diese Liste ist beliebig zu verlängern


Das ist es Freunde, was meine Psyche zum Kochen bringt. Diese Unverfrorenheit ein tragisches Ereignis für Rechtfertigung eigener Absicht zu benutzen, ohne für die breite Ursachenforschung offene Ohren, Augen oder Herzen mit zubringen.

Von Kommunikation war gestern viel die Rede. Ich kann es nicht mehr hören, diese verfluchte Leier, die ewig knarrt, man müsse mehr miteinander reden. Mag sein. Aber reden nutzt wenig. Kommunikation nutzt wenig, wenn sie nicht Tätigkeiten forciert. Kompetenzgeschwätz machte ebenso selbstverständlich die Runde. All dieses Geeier, welches meint an Bedeutung zu gewinnen, je mehr Fremdworte sie in einem Satz missbrauchen. Gesprochenes von Leuten, die andeuten wollen, dass eine Ausbildung mit der entsprechenden Terminologie, sie über andere Menschen erhebt. Sie als Meister des Menschseins zu erkennen gibt, quasi Natur(!)berufene , allerdings staatlich zertifiziert zur Formung "natürlicher Scheiße" zu " zivilisierte Menschen" .

Sie alle sind Teil eines Klimas, welches Medien in die Gesellschaft transportiert, gegründet auf Textbausteinen und Halbwahrheiten. Was das alles mit Winnenden zu tun hat? Scheinbar nur wenig.
Vermutlich gehören gewisse Verbrechen und auch Suizide zum menschlichen Dasein, nie werden sie gänzlich verschwinden.

Aber: Ich gehe davon aus, dass Terror, Amokläufe, bestimmte Verbrechen und auch Suizide gemeinsamen Wurzeln entsprießen. Und diese Wurzeln gedeihen in bestimmten gesellschaftlichen Klimazonen prächtig, in anderen verkümmern sie. Besonders gut gedeihen sie - wenn ich nicht irre - dort, wo radikale, ausweglose Ohnmacht als Urgrund wuchert. Bedingungslos Ausgeliefertsein - dies womöglich ein kräftiger Wurzelballen, der alles Unmögliche aus sich hervor treibt.

Terror, wo religiösen Fundamentalisten - nicht Extremisten -der Westen die eigene Zivilisation als alternativlos diktiert. Bis ins Privateste hinein.
Mord und Totschlag, wo keine ethischen und moralischen Grenzen existieren, wo der Einzelne Jedem ausgeliefert ist oder sein könnte. Usw. usf.

Und wie ergeht es einem Jungen heut? Männliche Vorbilder - die Bildungswissenschaftler verordnen ihm gegenderte Modelle. Im Fernsehen trifft er auf poltische korrekte Geschichts- und Rollenbilder. Fände er den Weg in die Kirchen- aus nicht wenigen erschallte der Ruf-willkommen bei den Geschwistern , den Jüngerinnen und der Göttin. Vater und Mutter im Himmel. Ohnmacht beim Suchen, überall gibt es nur ein Angebot: So zu sein, wie er nicht sein will.Vor allem kein Opfer.

Voller Abscheu nehmen nun die Gutmenschen schnell zur Kenntnis, das Wort "Opfer" sei zum derben Schimpfwort auf Schulhöfen mutiert. Und? Wwelche Schlüsse ziehen sie aus diesem Mentekel? Sind die des Lesens unkundig?

Ja doch, - ich spekuliere nun selbst. Doch was bleibt mir anderes übrig? IIch finde nichts Seriöses zum Thema. Also verknüpfe ich die vielen Links, beispielsweise bei genderama, mit den Ereignissen. Was finde ich dort? Jungen, die von ihrer Ohnmacht berichten.

Mich wundert , dass nicht mehr von ihnen aus dem Leben fliehen. Manchmal voller Hass und deshalb gewalttätig.

Manchmal, nur manchmal ist selbst mir der Schritt vor die Haustür eine Last, ein Hinweis auf meine Ohnmacht. Die Schlagzeilen an den Zeitungskiosken, die Webeplakate der NGO´s, Architektur , die neimand will und gegen die kein Widerstand nützt, Rauchvebote in Eckkneipen, auch gegen den Widerstand vieler, Stadtrundgänge für frauen, die die Geschichte verzerren, weibliche Überheblichkeit auf Ämtern....usw. usf. Gut, ich kann das ab. Aber die Jungen? Ich meine die beiderlei Geschlechts.

Wie gesagt, ich gebe zu, ich traure nicht, aber bin voller Zorn und auch Mitgefühl.

Und wenn ich in die Betroffenheitsminen all derer schaue, die sich dem Problem in Gänze widmen müssten- so spüre ich gewisse Impulse...;

Helfen könnten mir Seelsorger. Sie müssten nicht einmal religiös motiviert sein. Sie müssten sich einfach um Seelen sorgen, ganz ohne professionelle Absichten. Bislang war mein Seelsorger mein Vater, hat wohl mit unangepasster Famlie zu tun. Warum lese ich von solchen Seelsorgern nie und nirgends?

Vater wurde allerdings im Februar 88 Jahre alt. Was kommt danach?

Nun, ja ...

Narrowitsch

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Extemplo simul pares esse coeperint, superiores erunt-

Den Augenblick, sowie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Herren sein.

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