Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

Archiv 2 - 21.05.2006 - 25.10.2012

233.682 Postings in 30.704 Threads

[Homepage] - [Archiv 1] - [Archiv 2] - [Forum]

log in |

Studie "Männlichkeiten im Rechtsextremismus" von Robert Claus und Co. - wir sind natürlich auch drin ...

verfasst von Manifold(R) Homepage, 15.03.2012, 23:30

Gerade bin ich bei meinen Recherchen auf eine "Studie" aus dem Jahr 2010 gestossen, die mir bisher nicht bekannt war und deshalb wohl hier auch noch nicht besprochen wurde. Es handelt sich dabei um "Männlichkeiten im Rechtsextremismus" der Rosa Luxemburg-Stiftung, in der zwar primär über Neonazis und andere Braunlinke berichtet wird, aber darin hat unser Lieblingspudel Gesterkrampf auch ein Kapitel über uns reingeknallt! Das überrascht natürlich nicht, denn genauso wie Kemper und Hoffmann, hat sich auch Gesterkrampf immer wieder damit beschäftigt, uns in die braune Ecke zu stellen.

Hier ist die Studie zu finden:

http://anonym.to/?http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/Texte_68.pdf

Und hier Gerstensafts Beitrag:

Thomas Gesterkamp
Online gegen die »lila Pudel« – Männerrechtler gegen

Feminismus


Abstract
Männerrechtliche Netzwerke formieren sich gegen den Feminismus – und nutzen dabei vor allem das Internet. Die Gleichstellung der Geschlechter sei erreicht, die Emanzipation beendet, behaupten sie in den einschlägigen Foren. Jetzt müsse Schluss sein mit der »organisierten Besserstellung« der Frau.

Die Politik hat die Anliegen der Männer entdeckt. Auf der Suche nach Profil wurde zuletzt Familienministerin Kristina Schröder (CDU) fündig: »Wir müssen die Männer stärker in den Blick nehmen«, betonte sie beim Antrittsbesuch im Familienausschuss. Angesichts der schlechteren Leistungen männlicher Schüler sei die »eigenständige Jungen- und Männerpolitik eine ganz spannende Aufgabe«. Das neue Thema der schwarzgelben Koalition signalisiert nicht unbedingt ein gesteigertes Interesse an Gleichstellung. Im Gegenteil, gerade bei der FDP, die die Männerpolitik im Koalitionsvertrag verankerte, klingen stellenweise ganz andere Töne an. So verabschiedeten die bayerischen Jungliberalen (Julis) eine im November 2009 gefasste, aber 2010 wieder aufgehobene Erklärung, laut der sie »in der Antidiskriminierungspolitik und dem sogenannten Gender Mainstreaming eine große Gefahr für die individuelle Freiheit« sehen. Um die »Knechtschaft« (der Männer) zu beenden, forderten die Julis die Abschaffung des Bundesgleichstellungsgesetzes, die Rücknahme aller UN-Resolutionen und Passagen in EUVerträgen zum Gender Mainstreaming sowie das Streichen sämtlicher Quotenregelungen. »Statt staatlicher Bevormundung« müsse »die volle Vertragsfreiheit wiederhergestellt werden«.

Abgesehen von dem ausgelagerten Projekt »Neue Wege für Jungs«, das männlichen Jugendlichen Perspektiven in erzieherischen und pflegerischen Berufen ermöglichen will, fand im Familienministerium bisher keine Männerpolitik statt. Es gab nur einen einzigen Mitarbeiter, der für »Männer, Migration, Milieus« zuständig war – das klang mehr nach Gedöns als nach ernsthaftem Anliegen. Wie das neu geschaffene Referat 408 »Gleichstellungspolitik für Männer und Jungen« mit drei Planstellen demnächst arbeiten wird, hängt auch davon ab, welche Forderungen aus der Gesellschaft erhoben werden. Da heißt es genau hinsehen, denn die Männerbewegung (wenn man von einer solchen überhaupt sprechen will) präsentiert sich heterogen. Geschlechterdialogisch orientierte Verbände gründen gerade ein »Bundesforum Männer« als Pendant zum Deutschen Frauenrat. Antifeministische Aktivisten dagegen schrecken selbst vor Kooperationen mit Rechtsradikalen nicht zurück. Sie klagen über eine »Kaste der Genderfunktionäre«, deren kulturelle Hegemonie jeden Widerspruch unterdrücke.

Mit der Realität in den Medien hat das wenig zu tun. Denn wann immer die publizistischen Alpha-Tiere der Republik etwa das spröde Wortpaar Gender Mainstreaming erwähnten, changierte die Bewertung zwischen »lächerlich« und »gefährlich «. 2005 bezeichnete der Stern die »neue Geschlechtergefühligkeit« als »trivial und teuer«. »Der Spiegel« malte 2007 ein düsteres Bild autoritärer Genderpädagogik, das Jungen »früh zu Kritikern des eigenen Geschlechts« mache. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher sah Frauen schon die »Bewusstseinsindustrie « übernehmen. Redaktionskollege Volker Zastrow wetterte gegen das »angewandte Kaderprinzip der feministischen Lobby«, die eine »politische Geschlechtsumwandlung « plane. Dass die rechtslastige »Junge Freiheit« einen ganz ähnlichen Verschwörungston anschlug (»Eine totalitäre Ideologie wird durch eine auserwählte Truppe Linientreuer von oben nach unten durchgesetzt«), störte die bürgerlichen Leitmedien offenbar nicht. Und die antifeministische Kampagne hatte Erfolg: Das Familienministerium nimmt das Wort Gender Mainstreaming überhaupt nicht mehr in den Mund. Das von ihr bisher unterstützte »Genderkompetenzzentrum « ist in Auflösung begriffen.

Als wissenschaftlicher Kronzeuge dient häufig Gerhard Amendt. Der Geschlechterforscher, einst Vorkämpfer für die Legalisierung der Abtreibung mit gutem Ruf in linksliberalen Kreisen, vertritt inzwischen irritierende Ansichten. So behauptet er, Frauen seien in Beziehungen ebenso gewalttätig wie Männer. In der »Welt« forderte er gar die Abschaffung der Frauenhäuser: Wegen ihres »militanten Feminismus« seien die dort Tätigen zu »professionellen Interventionen« nicht fähig. Die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bezog daraufhin Position gegen Amendt. Die Argumentation sei »kurzschlüssig und unverantwortlich «, so EKD-Geschäftsführer Martin Rosowski: Kritik an einzelnen Aktivistinnen dürfe »nicht zu einer Verharmlosung der Erfahrung der Opfer führen«.

Überschneidungen und Verbindungen

Auch der »Focus« schreibt mit ständigen Berichten über das »geschwächte Geschlecht « eine »neue Bürgerrechtsbewegung« geradezu herbei. Doch Zeitungstexte nehmen die meisten Männerrechtler nur als Spuren im Netz wahr – ohne ihren redaktionellen Kontext, als aus dem Zusammenhang gerissenen Textbaustein. Der neue Geschlechterkampf wird online geführt. Internetforen stilisieren Männer zu Diskriminierten in allen Lebenslagen. Typisch für die Netzbeiträge ist ein trotzig-beleidigter »Da seht ihr’s mal wieder«-Tonfall; auf unliebsame Kriti- ker wird zum Teil eine regelrechte Hatz veranstaltet. Beschimpfungen als »lila Pudel«, falsche Behauptungen und die Enthüllung der Klarnamen von Bloggern mit anderer Meinung sind an der Tagesordnung.

Die Diskutanten sind überwiegend keine Neonazis, allerdings ergeben sich immer wieder Überschneidungen und Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen und Publikationen. So versorgt der Buchautor Arne Hoffmann, Betreiber des Blogs Genderama, die antifeministische Seite »Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land« (wgvdl.com) regelmäßig mit Artikeln aus der »Jungen Freiheit«. Das Forum »wgvdl.com« wiederum ist mit der Seite »de.altermedia.info« verlinkt. Deren homophobe Betreiber riefen 2009 zu »nationalen Protesten« gegen den Christopher Street Day in München auf und unterstellten Oberbürgermeister Christian Ude, schwul zu sein.

Auf der Seite »free-gender.de« tauschen sich Mitglieder und Sympathisanten der rechtsextremen Initiative »Raus aus den Köpfen – Genderterror abschaffen« aus. Gender Mainstreaming, so heißt es dort, sei »eine unbekannte Gefahr, die sich seit gut 25 Jahren immer tiefer in den politischen Alltag der BRD und der restlichen Welt hineingebohrt hat«. Die vor allem in Ostdeutschland aktive Gruppe veranstaltet »Aufklärungsvorträge« zum Genderthema (»Langfristige Ziele des GM« sind danach »die Vernichtung der Geschlechteridentitäten« und »die frühkindliche Sexualisierung«), besucht aber auch Treffen von Neonazis wie zum Beispiel das »Fest der Völker« im September 2009 in Thüringen.

Wenig Berührungsängste

Das Buch »Befreiungsbewegung für Männer« sieht Mitherausgeber Paul-Hermann Gruner als längst überfällige »Publikation für die Zeit nach dem Feminismus «. Der Redakteur beim »Darmstädter Echo« fordert »das Ende des weiblichen Geschlechtermonologs« und eine »offensive Interessenvertretung der Männer«. Die Kerngruppe der Autoren bildete im Dezember den Verein AGENS – »Arbeitsgemeinschaft zur Verwirklichung der Geschlechter-Demokratie«. Zu den Gründungsmitgliedern gehört neben Gruner und Hoffmann auch Amendt. Als gemeinsame politische Plattform dient das »Berliner Mannifest«. Das dürftige Positionspapier nennt als Ziel unter anderem den »gemeinsamen Dialog auf Augenhöhe zwischen der befreiten Frau und dem befreiten Mann«.

AGENS schmückt sich mit bekannten Experten wie dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Er ist der Initiative nicht beigetreten, war aber bei der Gründungs- Pressekonferenz mit von der Partie. Die Präsentation sei »nicht überzeugend« und »über das Ziel hinausschießend« gewesen, geht er im Nachhinein auf Distanz. Er selbst würde »das nicht so akzentuieren« und »in der Wortwahl nicht so machen«. Die Männerbefreier interpretiert er als »Suchbewegung«, als »erste, die sich aus der Deckung trauen«. Ausdrücklich begrüßt er »schräge Töne, Aufgeregtheiten und Zuspitzungen, weil dadurch Emotionen in das Thema hineinkommen«. Hier würden »Versäumnisse und blinde Stellen« benannt, wenn auch auf unbeholfene Weise: »Das ist sozusagen die Fundiströmung, aus der später Realpolitik werden kann.«

Fließende Grenzen zwischen renommierten Wissenschaftlern und männerrechtlichen Demagogen finden sich auch anderswo. Im Februar 2010 veranstaltete die Universität Düsseldorf den Kongress »Neue Männer, muss das sein? – Über den männlichen Umgang mit Gefühlen«. Von Medizinern und Therapeuten organisiert, war die Veranstaltung gewiss kein Treffen von Rechtsradikalen. Respektable Redner wie Hurrelmann, der Historiker Martin Dinges oder der Gesundheitswissenschaftler Elmar Brähler waren vertreten; es referierte aber auch Gerhard Amendt, dessen Einladung Frauenaktivistinnen mit Interventionen beim Rektor und bei der Gleichstellungsbeauftragten zu verhindern versucht hatten.

Wenig Berührungsängste zu Männerrechtlern zeigt auch die CDU-nahe Konrad- Adenauer-Stiftung. Bei ihr arbeitet AGENS-Mitglied Karl-Heinz van Lier, der im letzten Sommer mit öffentlichen Geldern die Tagung »Ein Männeraufbruch ist überfällig« in Mainz organisierte. Auch hier eine Mischung aus extremen und vergleichsweise harmlosen Rednern: Das Spektrum reichte vom fanatischen Anti- Feministen Arne Hoffmann über den zur »Welt« gewechselten Ex-»taz«-Redakteur Robin Alexander bis zu Hartmut Steeb, dem Generalsekretär der »Deutschen Evangelischen Allianz« – einer Dachorganisation pietistischer Gruppen, die als »Kreationisten« am Wortlaut der Schöpfungslehre festhalten und gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierungen als psychische Störung betrachten.

Dialog oder Monolog

Nicht jeder, der zu einem Rechtsextremen Kontakt hält oder in einer rechtslastigen Zeitschrift publiziert, ist automatisch selbst rechtsextrem. In der »Männerbewegung « existieren progressive und rückwärts gewandte Strömungen von jeher nebeneinander. Streit über traditionelle und moderne Selbstverständnisse hat es seit den 1970er Jahren immer wieder gegeben, ein einheitlicher Kurs war und ist nicht erkennbar. Einige der von Männerrechtlern skandalisierten Themen sind wichtig: die Schwierigkeiten von Jungen in der Schule, die vernachlässigte Männergesundheit und die Tabuisierung der gegen Männer gerichteten Gewalt. Doch »ein vermeintlicher Dialog, der von vorneherein mit klischeehaften Zuweisungen arbeitet, kann nur ein Monolog bleiben«, sagt der Freiburger Geschlechterforscher und Gewaltexperte Hans-Joachim Lenz. Auch er hat für den Sammelband der Männerbefreier einen Beitrag geliefert, sich aber anschließend vom »maskulinistischen Geplänkel« seiner Koautoren distanziert. Statt »berechtigte männerpolitische Anliegen« selbstbewusst zu vertreten, bedienten sich diese »tumber Pauschalisierungen«: »Verschwörungen phantasierend« würden Männer »zum Opfer böser Frauen stilisiert«.

Das Männer-Thema bekommt unter der schwarzgelben Bundesregierung auffällig mehr Gewicht. Verschlafen Sozialdemokraten, Grüne und Linke ein Politikfeld der Zukunft? Die Oppositionsparteien verweisen warnend auf Erfahrungen in Österreich, wo die FPÖ gegen den Widerstand von Frauenverbänden eine »männerpolitische Grundsatzabteilung« im Sozialministerium installierte. Ein Teil der Publikationen, die die finanziell gut versorgten Wiener Männeraktivisten in hohen Auflagen unters Volk brachten, hatte eine männerrechtliche Schlagseite. Eine Idee muss aber nicht grundsätzlich falsch sein, nur weil sie der politische Gegner mangelhaft in die Praxis umgesetzt hat. Männerpolitik, die sich eindeutig distanziert von rechtskonservativem oder gar rechtextremem Gedankengut, kann konfrontativ orientierten Antifeministen den Wind aus den Segeln nehmen. Der Gestus des Tabubrechers, der »politisch korrekte« Denkverbote missachtet, wäre ebenso erschwert wie das Umwidmen von Begriffen wie Befreiung oder Geschlechterdemokratie.

---
"Zur Durchführung seines Zieles erachtet der Maskulismus [...] als aufrichtig und sinnvoll: [...] das ursprüngliche Anliegen einer wirklichen Gleichberechtigung beider Geschlechter." - Michail A. Savvakis

Thread schreibgesperrt
 

gesamter Thread:

RSS-Feed
powered by my little forum