Wieviel »Gleichberechtigung« verträgt das Land?

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Sehr guter Beitrag - Danke :-)

ChrisTine, Samstag, 13.05.2006, 11:31 (vor 4210 Tagen) @ Ralf

Als Antwort auf: Zwischen den Extremen von Ralf am 13. Mai 2006 07:10:

Hallo,
die Diskussion in diesem Thread ist zwar äußerst interessant, aber m.E. nach wenig zielführend, weil dort nur zwei krasse Extreme gegeneinander stehen:
Auf der einen Seite KlausZ mit "seit 500.000 Jahren gibt es festgelegte Geschlechterrollen, und die Gesellschaft hat gefälligst auch für die nächsten 10.000 Jahre auf deren strikte Einhaltung zu achten", auf der anderen Seite Odin & Co. mit "es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschide, und Männer & Frauen sollen sich alle Aufgaben möglichst 50:50 teilen" (jaja, dass beide Statements vereinfacht wiedergegeben sind, ist mir bewusst).
Was ist denn an den beiden Sachen dran?
Wenn KlausZ seine "500.000 Jahre" zum ungefähr 732. Mal wiederholt und darauf beharrt, dass dieser Zeitraum durch seine Vorstellung von Geschlechterverhältnis geprägt war, dann hat er zum einen irgendwo nicht kapiert, dass man über mindestens 98% dieses Zeitraumes gar nichts genaues weiß (das legt dann tatsächlich Odins Schluss nahe, dass er die ersten 490.000 Jahre "streng wissenschaftlich" unter "Conan, der Barbar" zusammenfasst), und hat zum anderen nicht gerafft, dass ein Modell, selbst wenn es für Jäger- und Sammlerkulturen oder primitive Ackerbauer funktioniert haben sollte, nicht zwangsläufig auch für eine hochtechnisierte Gesellschaft taugen muss.
Was umgekehrt Odin & Co. angeht, hat Flint zweifelsohne recht, wenn er auf die Parallelen zum Programm der "Feministischen Partei" verweist - die dogmatische Ablehnung von "natürlich vorgegebenen" Geschlechterrollen ist ebenso dogmatisch wie ihr Gegenteil, und der Gegensatz zu feministischen Ideen verschwimmt in Ausführungsdetails, nicht im Prinzip.
Ok, das waren jetzt eher die Punkte, die "nicht dran" waren. Kommen wir also mal tatsächlich zu dem, was "dran" ist:
Meiner Meinung nach wendet Klaus seine "500.000 Jahre" nur falsch an. Für "kulturelle" Rückschlüsse ist dieser Zeitraum viel zu groß und zu diffus, interessant ist er eher für "genetische" Entwicklungen: In diesem langen Zeitraum hat sich die "Natur des Menschen" geprägt, d.h. seine Triebe und Wünsche.
Es wurde hier schon mal gefragt, was denn "natürlich" sei - "in Häusern zu wohnen" oder "Kleidung zu tragen" sei schließlich eine kulturelle Entwicklung und käme "in der Natur" nicht vor. Stimmt auffallend, weswegen man "Natürlichkeit" auch schlecht an konkreten Technologien festmachen kann, sondern eher an Wünschen, Trieben und Zielen. "Natürlich" ist offensichtlich der Wunsch, einen warmen, geschützten "Wohnort" zu haben (das waren bei steinzeitlichen Möglichkeiten halt Höhlen und Lagerfeuer, heute komfortable Häuser), ebenso wie der Wunsch, seinen Körper auch außerhalb dieses "Wohnortes" vor Witterungseinflüssen zu schützen.
Instinktive Partnerwahl-Kriterien haben ebenfalls ein hohes Potential an "Natürlichkeit", weil sie sich offenbar über (naja, z.B.) "500.000 Jahre" genteisch entwickelt haben; und das ist eine der Stellen, von denen ich behaupte, dass Odins "50:50-Dogma" scheitert.
Männer suchen bei Frauen im Mittel nach ganz anderen Kriterien als Frauen bei Männern. Z.B. zählt "Unsicherheit" bei Männern für Frauen zu den k.o.-Kriterium schlechthin, während Männer "Unsicherhiet" bei Frauen zwar nicht unbedingt als positiv, aber auch nicht zwangsläufig als negativ werten. Umgekehrt brauchen wir nicht lange darüber zu diskutieren, dass das Aussehen von Männern zwar für Frauen alles andere als uninteressant ist, aber bei weitem nicht den Stellenwert hat, den Männer dem Aussehen von Frauen beimessen.
Diese Partnerwahl-Kriterien sind nur einer (wenn auch im Folgenden wichtiger) von vielen Unterschieden zwischen Männern und Frauen. Weitere gibt es ohne Ende. Möglichen Protestschreien der "Väterfraktion" zum Trotz: Man gucke sich nur die irgendwo instinktive Faszination sehr vieler Frauen für Babies an - man wird sie in dieser Form bei Männern nur sehr selten finden.
Aus dem ganzen ziehen jetzt KlausZ und Odin völlig unterschiedliche Schlüsse - plakativ formuliert:
KlausZ: "Jeder Mann ist grundsätzlich von jeder Frau verschieden, deshalb hat es ein fest vorgegebenes Schema zu geben, dem sich jede/r anzupassen hat"
Odin: "Biologistischer Unfug. Männer und Frauen sollen grundsätzlich diesselben Aufgaben wahrnehmen."
KlausZ scheitert (u.a.) daran, dass er so etwas wie "statistische Mittelwerte" auf jedes einzelne Individuum übertragen und quasi für jeden Einzelnen verbindlich festschreiben will.
Odin (ebenso wie die meisten Feministinnen) scheitert daran, dass er die zwischen den Geschlechtern völlig unterschiedlich gelagerten "Durchschnittswerte" und "Durchschnittswünsche" (z.B. beim hier heftig diskutierten Thema "Versorgung") nicht wirklich respektiert, sondern am liebsten wegdiskutierren und einebnen möchte, statt die symbiotische Wirkung der unterschiedlichen Potentiale zu fördern.
Ich bin mir sicher, dass in einer wirklich freien, feministisch unverseuchten Gesellschaft KlausZs "Alte Ordnung" (ohne ihre teilweise etwas skurilen Zusatzforderungen) einen wichtigen Platz einnähme, d.h. bei sehr vielen Paaren gelebt werden würde - und zwar sehr erfolgreich, denn die klassisch "männlichen" und klassisch "weiblichen" Ideale ergänzen sich perfekt, und kommen erst in ihrer Summe richtig zum Tragen. Anders als in KlausZs dogmatischer Welt wäre aber auch Platz für alle anderen Varianten - sei es Odins 50:50-Welt, oder die "Hausmann-Variante", denn die "Alte Ordnung" bildet Dursachnittswerte ab, bei einem konkreten Paar kann die Welt ganz anders aussehen.
Gruß Ralf


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